deren Glück er hatte begründen wollen. Der geliebte Bruder geriet zuerst in das gräßlichste Elend, und bei dem Versuch, der zu seiner Rettung unternommen wurde, wurde auch das junge Mädchen völlig unverdient in die schwierigste Lage versetzt. Nun aber glaubte der junge Mann Tag um Tag die Stimme seiner Verlobten zu hören, die ihm aus dem Grabe zurief, dem jungen Mädchen wenigstens bei sich ein Heim anzubieten, wo er dann mit der zärtlichsten Fürsorge versuchen könnte, sie glücklich zu machen, und wo sie in sicherem Schutz vor der harten Hand wäre, die jetzt über sie herrsche. So lagen die Dinge, liebste Mamsell Maja Lisa, als der junge Mann diesen Brief schrieb. Er hatte die Absicht, ihn diesen Morgen abzuschicken; aber dann wurde er wieder unschlüssig, und er hielt es für notwendig, erst Euch, Mamsell Maja Lisa, zu Rate zu ziehen.«

Er schwieg, und ohne noch etwas hinzuzufügen, ließ er den Brief in ihren Schoß niedergleiten. Sie las die Adresse. Der Brief war an den hochgelehrten Herrn Hilfsprediger Erik Lyselius gerichtet, also an ihren Vater.

Nie, niemals in ihrem ganzen Leben, hatte sich Maja Lisa so gekränkt gefühlt. Wenn er jetzt das tat, was sie nie erwartet hatte, wenn er jetzt um sie freite, warum mußte es auf diese Weise sein? Nur weil sie ihm leid tat! Ihr erster Gedanke war, aufzuspringen, den Brief zu zerreißen und ihm die einzelnen Stücke ins Gesicht zu werfen. Sie war jetzt aufgebrachter über ihn als über ihren Vater, da dieser die Raclitz geheiratet hatte. Und sie dachte: »Ach, lieber Gott, es kommt mir vor,

als könnte ich nur auf die Leute richtig böse sein, die ich liebhabe!«

Aber Maja Lisa hatte seit jenem Tage, wo sie sich dem Vater und der Raclitz gegenüber nicht hatte beherrschen können, viel erlebt, und sie hatte sich jetzt ganz anders in der Gewalt. Sie glitt nur von dem Stein herab, ließ den Brief auf den Weg fallen und begann, ohne ein Wort zu sagen, den Hügel hinunterzugehen.

Und sie durfte eine tüchtige Strecke, ganz bis zum Steinmäuerchen, hingehen, ohne daß ihr jemand nachkam.

Während sie so bergab schritt, merkte sie erst, wie schön der Abend war. In den Bäumen zwitscherten die Vögel, in der Luft tanzten die Mücken, auf dem jungen Grün der Blätter spielte die Frühlingssonne, das Bächlein plätscherte lustig im Graben, überall keimten und sprossen Pflanzen und junge Triebe hervor, ja es war fast, als könne man das Gras wachsen hören.

Aber wie merkwürdig! Gerade das vergrößerte ihren Zorn. Er hätte doch begreifen müssen, daß man an einem solchen Abend, wenn man überhaupt kommen wollte, nur in der richtigen Weise kommen durfte. Ach, wenn er doch so klug gewesen wäre, es bleibenzulassen! Sie wäre nicht so unglücklich gewesen, wenn sie nur ganz im stillen von ihm geträumt hätte.

Außerdem hätte er sich klugerweise auch erst darüber Gewißheit verschaffen müssen, wie es ihr ging, ehe er sich aufmachte und ihr diese große Demütigung zufügte. Hätte er gewußt, daß sie mit ihrem Vater versöhnt war,

und daß die Stiefmutter am selben Abend noch, wo er mit seiner Schwägerin auf Lövdala gewesen war, fortgelaufen, ja auf und davon gegangen war, ohne irgendeinem Menschen auch nur ein Wort davon zu sagen, und daß sie auch bis jetzt noch nicht zurückgekommen war, dann hätte er sie mit diesem Beweis seines Erbarmens verschonen können.