Aber er ließ sich nicht anmerken, ob ihn ihr unfreundlicher Ton gekränkt hatte. Sie konnte überhaupt fast nicht glauben, daß dies derselbe Mensch sein sollte, der vorhin hier gesessen und der Drossel gepfiffen hatte. Er war jetzt so abgemessen, als handle es sich um eine Geschäftssache, und als habe er sich jedes Wort, das dabei gesprochen wurde, vorher genau überlegt. Ganz so sah er gewiß aus, wenn er Eisen verkaufte oder einen Kontrakt mit den Kohlenfuhrleuten abschloß.

Er bat, Maja Lisa solle ihn doch nicht für aufdringlich halten; er habe nur gefragt, weil er sich, ehe er fortfahre, vergewissern müsse, ob ihr Herz noch frei sei.

Aber in Maja Lisa erwachte eine unwiderstehliche Lust, ihn zu reizen und ihn aus seiner großen Sicherheit etwas aufzurütteln.

»Das ist noch nicht so ganz selbstverständlich, daß mein Herz frei ist, weil ich Pastor Liljecrona nicht liebe«, warf sie ein. »Vielleicht gibt es andere ...«

Er verneigte sich ein wenig verächtlich. »Das ist durchaus richtig«, sagte er. »Und wenn Ihr nur die geringste Aussicht habt, daß der, an den Ihr denkt, um Eure Hand anhalten wird, dann werde ich nichts mehr sagen.«

Das Blut schoß ihr in die Wangen; aber sie sah ihm fest in die traurigen Augen, als sie antwortete: »Nein, ich habe ganz und gar keine Aussicht dazu.«

»Nun, dann möchte ich Euch um einen Rat bitten«, sagte er, indem er sein Taschentuch herauszog und ihm einen fest zusammengefalteten, versiegelten Brief entnahm, den er aber in der Hand behielt, ohne sie die Adresse sehen zu lassen. »Vielleicht seid Ihr so freundlich, mir zu sagen, ob ich dieses Schreiben abschicken oder zerreißen soll?«

Maja Lisa erwiderte nichts. Sie mußte unwillkürlich an jenen Morgen denken, wo er in die Fuchsgrube hinabgesprungen war. Damals ging es: hier ein Schlag und da ein Schlag, und in einem Nu war alles geschehen. »Warum kann er jetzt nicht einen raschen Sprung machen

und zuschlagen, daß ich erfahre, was er eigentlich meint?« dachte sie. »Woher kommt es, daß er jetzt so umständlich vorgeht?«

»Diesen Brief hier, Mamsell Maja Lisa,« fuhr er fort, und seine Stimme klang, wenn möglich, noch kühler und geschäftsmäßiger als vorher, »diesen Brief hat ein junger Mann geschrieben, der vor ein paar Jahren an dem Grab seiner Braut stand und dort das Gelübde ablegte, sein ganzes Leben einsam zu bleiben, um nur immer an sie denken zu können. Seither hat der junge Mann nie einen Augenblick daran gedacht, sein Gelübde zu brechen, ja, er hat sich nicht einmal je dazu versucht gefühlt. Er hat sein Herz mit der Geliebten ins Grab hinabgesenkt, und es kann nicht wieder lebendig werden. Aber, Mamsell Maja Lisa, dieser junge Mann traf vor ein paar Monaten mit einem armen, einsamen und verlassenen Kind zusammen. Er las in dessen Augen die holdeste Vereinigung von Freundlichkeit und Demut, noch mehr aber überraschte ihn eine wunderbare Ähnlichkeit mit der Geliebten. Sofort empfand er die größte Sympathie für sie. Es war ihm, als flüstere ihm die Verstorbene zu, er müsse dieser jungen Einsamen, die ihr Ebenbild sei, zu helfen suchen. Da machte der junge Mann einen Versuch, sie mit dem edelsten Mann, den er kannte, mit seinem eigenen Bruder, zusammenzubringen. Er sah sie beieinander, sah sie vor dem Herde Seite an Seite sitzen und träumte schon von einem großen Glück für beide; aber dann schoben die widerlichsten Umstände sich dazwischen. Dieses Vorgehen des jungen Mannes brachte Unglück über die beiden,