Zu einer Neckerei mit dem Käuzchen aber hatte Maja Lisa doch keine Lust, und so ließ sie die Kleine bei der großen Birke und ging allein den Hügel zum Ruhestein hinauf. Übrigens mußte das Käuzchen heute geselliger als gewöhnlich sein, denn die Kleine gesellte sich weder bei dem Gespenstermäuerchen noch später zu ihr.

Als Maja Lisa so weit gekommen war, daß sie den Ruhestein sehen konnte, blieb sie plötzlich stehen. Dort oben, nicht auf dem schmalen ausgehauenen Sitz, sondern auf dem Felsblock selbst, wurde sie eines Menschen gewahr. Er kauerte auf dem Stein und stützte das Kinn in die Hände. Sein Blick aber haftete nicht am Boden, sondern war auf die Baumwipfel gerichtet, und er war eifrig

beschäftigt, einer Drossel zu pfeifen, die auf einer großen Tanne jenseits des Weges saß; er ahmte den Drosselschlag nach und brachte den Vogel so in Eifer, daß diesem fast die Kehle zersprang.

Beide, die Drossel und der Mann, waren so in ihr Spiel vertieft, daß sie Maja Lisas Kommen nicht bemerkten. Sie blieb eine Weile regungslos stehen und hörte zu, während sie den Mann höchst verwundert betrachtete. Sooft sie ihn vorher getroffen hatte, mußte er immer von einem schweren Kummer bedrückt gewesen sein. Und deshalb hätte sie bis zum heutigen Abend nie geglaubt, daß er erst fünfundzwanzig Jahre sein könnte. Jetzt sah er wie ein richtiger Junge aus, und sie war über diese Entdeckung so verdutzt, daß sie unwillkürlich hell auflachte.

Er wandte den Kopf ein wenig, um zu lauschen, während sich sein Blick gleichzeitig auf einen andern Baumwipfel richtete, als meinte er, der Ton sei von dorther gekommen.

Da brach Maja Lisa aufs neue in helles Lachen aus. Und jetzt hörte er, was es war. Rasch sprang er von dem Felsblock herunter und eilte auf sie zu. Gerade auf sie habe er hier gewartet, sagte er. Er sei bei ihrer Freundin Britta in Loby gewesen, um sich zu erkundigen, wie er es anstellen müsse, Mamsell Maja Lisa allein zu treffen. Und Britta habe ihm gesagt, sie pflege jeden Abend bis zum Ruhestein spazierenzugehen.

Maja Lisas Herz begann heftig zu schlagen, als habe es eine große Freude erwartet. Ach, ach, wie konnte es

nur so unvernünftig sein! Es mußte doch nachgerade wissen, daß er mit keiner angenehmen Botschaft kommen würde. Wahrscheinlich wollte er wegen seines Bruders mit ihr sprechen, wollte sicher den Vorschlag der Schwägerin unter ruhigeren Verhältnissen noch einmal vorbringen.

Und es war so, wie sie gedacht hatte. Er geleitete sie überaus höflich, fast etwas umständlich, zu dem Ruhestein hin, half ihr auf den Felsblock hinauf, wo er eben gesessen hatte, blieb aber selbst auf dem Wege stehen. Dann begann er sie ganz feierlich zu fragen, ob es sich wirklich so verhalte, daß sie eine Neigung zu seinem Bruder habe.

Und dann war er gerade wieder so wie in Svansskog. Sie wußte nicht, warum sie auf einmal ärgerlich und gerührt zugleich war, auch nicht, warum der Ärger die Oberhand bekam, und ziemlich gereizt erwiderte sie, sie begreife nicht, warum er sich überhaupt die Mühe mache, zu fragen. Er meine wohl, sie könne mit seinem Bruder nicht ein paar Stunden zusammengewesen sein, ohne sich gleich in ihn verliebt zu haben.