Sie mußte auf der Schwelle stehenbleiben, denn es wurde ihr plötzlich ganz schwindelig zumute. Drei Spinnrädchen in ein und demselben Raum im Gang, das war das höchste, was sie bisher gesehen hatte. Aber wie viele waren hier? Sie fragte sich unwillkürlich, ob sie wohl überhaupt so weit zählen könnte.

Es war ziemlich dunkel in der Küche, deshalb war es gar nicht leicht für die Kleine, sich zurechtzufinden. Auf einem Rost, der auf einer langen eisernen Stange am Herd angebracht war, brannten ein paar harzreiche Knorren von einem Wacholderstumpf; das war die ganze Beleuchtung. Aber abgesehen von dieser dürftigen Helle konnte man auch deshalb schlecht sehen, weil die Spinnrädchen und Spinnerinnen in eine wahre Staubwolke eingehüllt waren, die vom Spinnen aufgewirbelt wurde.

Doch wie es auch sein mochte, so etwas hatte die Kleine jedenfalls noch nie gesehen. Während sie da auf der Schwelle stand und nach den Spinnrädchen, den Trittbrettern und Spindeln sowie auf die flinken Hände und Finger der Spinnerinnen sah, wurde ihr immer schwindeliger zumute. Um nun über den Schwindel Herr zu werden, fing sie an, sich selbst Fragen vorzulegen; denn das solle man tun, hatte die Mutter gesagt.

»Wie viele Stränge werden hier in der Küche nur an einem einzigen Morgen gesponnen? Und wie viele Bündel Stränge mögen sie schon droben in der Vorratskammer unter dem Dach hängen haben? Und wie viele Webstühle

müssen sie im Frühjahr in Gang setzen, um all dieses Garn zu verweben? Und wie viele Ballen Tuch müssen sie dann auf die Bleiche hinauslegen? Und wie viele – –«

So, jetzt war der Schwindel vorüber, und sie konnte sich zwischen die Spinnrädchen hineinwagen. Es waren gar nicht so unbegreiflich viele, wie sie zuerst gemeint hatte, aber doch auch nicht nur ein paar. In einer langen gebogenen Reihe standen sie vom Herd an ganz bis zur Ausgangstür hin.

Dicht beim Herd und beim Feuerschein saß die Pfarrfrau vor einem gelbgebeizten Spinnrädchen und spann feine weiße Baumwolle. Hinter der Pfarrfrau kam, soweit die Kleine erraten konnte, die alte Haushälterin, von der Mutter gesprochen hatte, und die spann Wolle an einem grün und rot angestrichenen Rad. Hinter dieser saßen fünf junge Mägde, die Köchin und das Zimmermädchen, die Kleinmagd, die Wäscherin und die Stallmagd, und diese alle spannen feinen Flachs an gewöhnlichen unangestrichenen Rädchen. Noch weiter hinten saß eine alte bucklige »Einliegerin« [1] und spann Werg an einem alten schlechten Rad. Und ganz zuletzt, dicht neben der Küchentür, in dem kalten Zug vom Flur her und fast

vollständig im Dunkeln, saß noch eine Person und spann. Sie hatte ein Spinnrad vor sich, an dem drei Speichen ausgebrochen, die Treibschnur oft zusammengeknüpft und das Trittbrett ganz ausgeleiert waren, und spann das ganz grobe Werg, das so klumpig und so voller Spelzen war, daß man sich anderswo nicht die Mühe gegeben hätte, es noch auf einen Wocken zu binden. Aber die Spinnerin, die an diesem Rad saß, schien das grobe Werg ebenso leicht und gewandt zu spinnen, wie die andern den feinen Flachs spannen.

Wer dies sein mochte, konnte sich die Kleine durchaus nicht denken, schließlich meinte sie, es sei wohl ein Mädchen, das zum Spinnenlernen im Pfarrhaus sei.

»Du Arme«, dachte sie. »Dir geht es nicht gut. Du stehst offenbar bei der Pfarrfrau nicht hoch in Gunst.«