mehreren Jahren immer ausgeritten war, ganz geblendet und merkte nichts. Kaum aber hatte Fräulein Schneewittchen mit der Reitgerte gegrüßt und gerufen: ‘Bon jour, monsieur le pasteur!’ wie die Gräfin es zu tun pflegte, als die frühere Jungfer Vabitz auch schon alle Stufen heruntereilte und eine Verbeugung machte, als wollte sie in den Boden sinken.
Ach, wie soll ich alles beschreiben? Die Mutter war etwas kurzsichtig, das wußte Schneewittchen wohl; überdies war es auch Abend und ein wenig dämmerig, aber das konnte sie sich doch unmöglich denken, daß sie nicht erkannt worden sein sollte.
Da dachte sie: ‘Der Stiefmutter gefällt es, daß ich mich über die Gräfin lustig mache’, denn sie wußte ja, wie erbost sie auf ihre frühere Herrin war. Nie, nie, nicht mit einem Gedanken fiel es Schneewittchen ein, daß die Mutter sich vor ihr verneigen könnte. Und sie stand ja da und strahlte mit dem ganzen Gesicht. So glücklich hatte sie noch niemals ausgesehen.
Schneewittchen sprang ohne Hilfe aus dem Sattel, ganz wie die gnädige Gräfin, und warf die Zügel dem langen Bengt zu. Dann wandte sie sich an die Pfarrfrau, reichte ihr die Hand und sagte:
‘Eh bien, Raclitz, wie geht es Ihr in der neuen Stellung?’
Aber denk’ dir, kaum hatte Schneewittchen das gesagt, als sich die Mutter auch schon niedergebeugt und ihr die Hand geküßt hatte!
Da endlich begriff Schneewittchen! Die Mutter hatte sich täuschen lassen und glaubte, die Gräfin selbst sei gekommen, sie zu besuchen. Durch diese Erkenntnis wurde Schneewittchen so bestürzt, daß sie ausrief: ‘Aber Frau Mutter, ich bin es ja nur!’
Da richtete sich die Mutter blitzschnell auf und schleuderte Schneewittchens Hand weg. Noch einen einzigen Blick warf sie der Stieftochter zu, dann wendete sie sich jäh um, stürmte die Treppe hinauf und eilte in die Küche hinein.
Nun versammelten sich die andern, der Vater, der Küster Moreus und Ulla um Schneewittchen, und alle lachten herzlich über die Verkleidung. Ach, ach! Ein kleines Weilchen noch mußte sie ihre Rolle weiterspielen, weil ihr guter Vater so erfreut aussah. Aber eigentlich war sie wie versteinert; der Blick der Stiefmutter hatte ihr eine furchtbare Angst eingejagt, und sie dachte: ‘Nun habe ich mir die Mutter zum Feind gemacht. Sie macht sich zwar nichts daraus, wenn man sie ein bißchen neckt, wenn sie aber jemand geradezu für Narren hält, wird sie es ihm nie verzeihen.’«
Hier machte die Pfarrerstochter eine Pause, wie um zu hören, was die Pflegeschwester über die Geschichte denke.