»Eigentlich sollte man nur herzlich darüber lachen,« sagte Anna Brogren, »aber ich kann es doch nicht, es wird mir im Gegenteil angst und bang dabei. Erzähle nur rasch weiter, damit ich erfahre, wie schlimm es dir – nein, ich meine, wie es Schneewittchen ergangen ist.«

Und die Pfarrerstochter erzählte weiter:

»Ja, ich muß dir wirklich erzählen, was sich Ende September Sonderbares ereignete. Es ist zwar gar nichts Wichtiges, das wirst du gleich merken; aber ich glaube, es hat Schneewittchen doch den Mut etwas gestärkt. Sooft ihr nämlich dieses Erlebnis wieder in den Sinn kam, sagte sie sich: ‘Es ist doch gut, daß noch jemand auf dem Hofe ist, der keine Angst vor der Stiefmutter hat.’

Denn alle andern, ihr Herr Vater nicht ausgenommen, hatten ja Angst vor ihr, das sah sie nur zu deutlich, und eins mußte sie auch zugeben: Die Stiefmutter war wirklich äußerst besorgt um den Vater und bewachte ihn so sehr, daß er sich kaum noch zu rühren wagte. Aber ach, wie ängstlich hütete sich der gute Vater auch, nein zu sagen, wenn die Stiefmutter etwas wollte.

Ja, das war alle Tage deutlich zu erkennen, aber nie deutlicher als damals, wo er ihr die Erlaubnis zum Branntweinbrennen gab. Jedermann auf dem Hofe sagte, wenn jemand anders als die Stiefmutter ihn darum angegangen hätte, würde er niemals eingewilligt haben, denn er sei von jeher dagegen gewesen. Wenn ihm in früherer Zeit jemand mit diesem Vorschlag gekommen sei, habe er immer ganz verdrießlich gesagt: ‘In einem Pfarrhaus solle man die Feldfrüchte zum Brotbacken und Grützekochen verwenden, aber nicht zu diesem unglückseligen Getränke, das nur allen Menschen zum Verderben erfunden worden ist.’

Der gute Vater hatte sicher dasselbe auch zu der Pfarrfrau gesagt, sie aber hatte sich nicht abschrecken lassen.

Sie sagte, wenn der Pfarrer den Branntweingenuß in seinem Hause ein für allemal abschaffen wollte, dann würde sie ihm gewiß beistimmen, da er nun aber doch Branntwein im Hause habe, sowohl für die Gäste als auch fürs Gesinde, könnte man ihn doch ebensowohl selbst herstellen, denn wenn man ihn zu Hause brenne, koste er nur die Hälfte. So sprach sie, und sie quengelte so lange darum, bis der Vater nachgab.

Als nun zum erstenmal Branntwein gebrannt werden sollte, entlehnte die Pfarrfrau von einem Nachbarhof einen Kessel mitsamt Hut und Rohr, und sobald er da war, machte sie sich an die Arbeit.

Während das Maischen und Gären im Gang war, ließ sie der Braumagd keinen Augenblick Ruhe, und als destilliert wurde, stand sie die ganze Zeit selbst im Brauhaus drüben. Nein, sicher hätte ihr niemand vorwerfen können, sie schone sich in irgendeiner Weise!

Der Vater dagegen saß die ganze Zeit, solange die Branntweinbrennerei dauerte, in seinem Zimmer und tat seiner Frau nicht ein einziges Mal die Ehre an, den Kopf zur Brauhaustür hineinzustecken und um eine Probe von dem Getränke zu bitten.