Nachts bekommen alle Dinge ihre rechte Gestalt und Form. Und so wie man erst da des Himmels Sterne sehen kann, sieht man auch auf Erden vieles, was man tagsüber niemals sieht. So konnte man auch jetzt im Schein der roten Knospen der Jerichorose eine Menge wunderlicher Gestalten in Mamsell Friederikens Salon sehen. Da war die steife „ma chère mère“, die gutmütige Beate, Menschen aus dem Morgen- und aus dem Abendland, die schwärmerische Nina, die energische kämpfende Herta in ihrem weißen Kleid.

„Kann mir jemand sagen, warum dieses Geschöpf immer weiß gekleidet sein muß?“ scherzte die kleine Gestalt im Fauteuil, als sie sie erblickte.

Aber alle Erinnerungen sprachen zu der Alten und sagten: „Sieh, wie viel du geschaut und erfahren, wie viel du gewirkt und genützt hast! Bist du nicht müde, willst du nicht zur Ruhe gehen?“

„Noch nicht,“ antwortete der Schatten in dem gelben Fauteuil, „ich habe noch ein Buch zu schreiben. Ich kann nicht zur Ruhe gehen, ehe es fertig ist.“

Damit verschwanden die Schatten. Die Jerichorose erlosch, und der gelbe Fauteuil stand leer.

In der Österhaninger Kirche feierten die Toten Mitternachtsmesse. Einer von ihnen stieg zu den Glocken hinauf und läutete das Christfest ein, ein anderer ging umher und entzündete die Weihnachtskerzen, und ein dritter begann mit knochigen Fingern auf der Orgel zu spielen. Durch die geöffnete Tür kamen die übrigen aus Nacht und Gräbern in das helle, strahlende Haus des Herrn gewallt. Gerade so, wie sie hier im Leben gewesen waren, kamen sie, nur ein bißchen bleicher. Sie öffneten die Banktüren mit rasselnden Schlüsseln und wisperten und flüsterten, während sie den Gang hinaufgingen.

„Das sind alle die Lichter, die sie den Armen geschenkt hat, die leuchten jetzt in Gottes Haus.“

„Wir liegen warm in unsern Gräbern, solange sie den Armen Kleider und Holz gibt.“

„Seht, sie hat so viele kräftige Worte gesprochen, die die Menschenherzen aufgeschlossen haben, diese Worte sind unsre Bankschlüssel.“