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Die Geschichte von Karr und Graufell]
[Der Kolmården]
Nördlich von Bråviken, gerade an der Grenze zwischen Ostgötland und Sörmland liegt ein Berg, der mehrere Meilen lang und über eine Meile breit ist. Wenn er auch ebenso hoch wie lang und breit wäre, dann wäre er der schönste Berg, den man sich nur denken könnte; aber er ist nun eben nicht so hoch.
Ab und zu trifft man wohl ein Gebäude, das von Anfang an so groß angelegt wurde, daß der Eigentümer es nicht ausbauen konnte. Wenn man ganz nahe herankommt, sieht man dicke Grundmauern, starke Gewölbe und tiefe Keller, aber gar keine Außenwände und keine Dächer, das Ganze erhebt sich nur ein paar Fuß hoch über der Erde; nun, beim Anblick des eben genannten Grenzberges muß man unwillkürlich an so ein verlassenes Bauwerk denken, denn er sieht fast aus, als sei er gar kein fertiger Berg, sondern nur die Grundlage für einen Berg. Mit steil abfallenden Hängen ragt er aus der Ebene empor, und nach allen Seiten sind große Felsmassen aufgetürmt, die aussehen, als wären sie dazu bestimmt gewesen, mächtige, hohe Felsenhallen zu tragen. Alles ist gewaltig und großartig und riesenmäßig angelegt, aber es hat keine richtige Höhe, keinen richtigen Stil. Der Baumeister muß der Sache überdrüssig geworden sein und sie aufgegeben haben, ehe er die steilen Felsenwände und die spitzigen Gipfel und scharfen Kuppen aufgeführt hatte, die sonst wie Mauern und Dächer auf den fertig gebauten Bergen stehen.
Aber gleichsam als Ersatz für die Gipfel und Felsenkuppen ist der große Berg von jeher mit prächtigen Bäumen bestanden gewesen. Eichen und Linden wuchsen am Saum des Waldes und in den Tälern, Birken und Erlen um den See herum, Tannen droben auf den steilen Terrassen, Fichten aber überall, wo sich nur eine Handvoll Erde fand, in der sie Wurzel schlagen konnten. Alle diese Bäume miteinander bildeten den in alten Zeiten so gefürchteten großen Wald von Kolmården, der so verrufen war, daß jeder Wanderer, der hindurch mußte, seine Seele Gott befahl und seines letzten Stündchens gewärtig war.
Jetzt ist es freilich schon so lange her, seit der Wald von Kolmården heranwuchs, daß niemand mehr imstande wäre, uns zu sagen, wie er allmählich so wurde, wie er heute ist. Im Anfang mußten sich die Bäume wohl ordentlich wehren, bis sie in dem harten Felsengrund Wurzel geschlagen hatten, und sie wurden darum so wetterfest, weil sie zwischen nackten Felsblöcken stehen und ihre Nahrung aus den magern Schutthalden ziehen mußten. Es ging ihnen wie so manchem Menschen, der sich in seiner Jugend schwer durchkämpfen muß, aber gerade dadurch später groß und stark wird. Als der Wald herangewachsen war, hatte er Bäume, die drei Mann kaum umspannen konnten; die Zweige waren zu einem undurchdringlichen Netzwerk verflochten, und der Boden ringsherum war von harten, glatten Wurzeln durchwoben. Der Wald war ein herrlicher Aufenthaltsort für wilde Tiere und für Räuber, die es verstanden, hindurchzukriechen und sich einen Weg durch die Wildnis zu bahnen. Aber für andre Wesen hatte dieser Wald nichts Verlockendes; er war kalt und düster, unwegsam und unzugänglich, voll stachligen Gestrüpps, und die alten Bäume mit ihren bärtigen Zweigen und moosbewachsenen Stämmen sahen aus wie wilde Spukgestalten.
In der ersten Zeit, wo sich die Menschen in Sörmland und Ostgötland niederließen, war ringsum beinahe nichts als Wald, der aber in den fruchtbaren Tälern und auf den Ebenen bald ausgerottet wurde. Den Kolmårder Wald dagegen, der auf magerem Felsengrund stand, nahm sich niemand die Mühe zu fällen. Und je länger er unberührt stehen bleiben durfte, desto dichter und mächtiger wuchs er heran, bis er schließlich eine Festung bildete, deren Mauern von Tag zu Tag dicker wurden; wer da hindurchdringen wollte, mußte die Axt zu Hilfe nehmen.