Jetzt flogen die Gänse über die Kirche von Björkvik hin, dann über Bettna und Blaksta und Vadsbro, und dann ging es nach Sköldinge und Floda. Überall läuteten die Glocken; wunderbar schön drang das Geläute zu dem Jungen herauf; es war fast, als sei die ganze kristallklare Luft um ihn her zu lauter Tönen und Klängen geworden.
„So viel ist sicher,“ dachte der Junge, „ich mag hinkommen, wo ich will, überall höre ich das Läuten der Kirchenglocken.“ Und bei diesem Gedanken überkam ihn ein Gefühl der Sicherheit: obgleich er sich jetzt in einer ganz andern Welt befand, war ihm, als könne er sich nicht vollständig verirren, so lange diese gewaltigen Stimmen noch imstande wären, ihn zurückzurufen.
Die Wildgänse waren nun schon eine gute Weile über Sörmland hingeflogen, als der Junge plötzlich einen schwarzen Punkt entdeckte, der sich drunten auf der Erde unter ihnen hinbewegte. Zuerst glaubte er, es sei ein Hund, und er hätte nicht weiter darüber nachgedacht, wenn das Tier nicht mit den Wildgänsen über ihm gleichen Schritt zu halten versucht hätte. Es stürmte durch das offne Land und durch die Gehölze hindurch, sprang über Gräben, setzte über Feldmäuerchen und ließ sich durch nichts aufhalten.
„Es sieht fast aus, als sei der Fuchs Smirre wieder unterwegs,“ sagte der Junge. „Aber wir werden ihn jedenfalls bald hinter uns gelassen haben.“
Gleich darauf flogen die Wildgänse so rasch, wie es ihnen nur möglich war, und hielten nicht an, solange der Fuchs noch in Sicht war. Erst als dieser sie nicht mehr sehen konnte, wendeten sie um und flogen nun in einem großen Bogen in südwestlicher Richtung, fast als wollten sie nach Ostgötland zurückkehren. „Es muß doch Smirre gewesen sein,“ dachte der Junge, „da Mutter Akka hier abbiegt und einen andern Weg einschlägt.“
Als es Abend wurde, schwebten die Wildgänse über einem alten Rittergute in Sörmland, namens Groß-Djulö. Das große weiße Wohnhaus lag im Schutze eines prächtigen Laubholzparkes, und vor ihm breitete sich der große Djulösee aus mit seinen hervorspringenden Landzungen und hohen Ufern. Das Herrenhaus sah ehrwürdig und behaglich aus; der Junge konnte sich eines leisen Seufzers nicht enthalten, als die Wildgänse über das Gut hinflogen, und er dachte unwillkürlich, wie das wohl sein würde, wenn er nach vollendeter Tagereise, anstatt auf einem sumpfigen Moor oder einer eiskalten Eisscholle abgesetzt zu werden, in so ein einladendes Herrenhaus eintreten dürfte.
Aber von so etwas konnte natürlich keine Rede sein. Die Wildgänse ließen sich etwas nördlich von dem Herrenhofe auf einer überschwemmten Waldwiese nieder, wo nur da und dort ein Rasenhügel herausschaute. Dies war fast die schlechteste Nachtherberge, die der Junge auf der ganzen Reise bisher gehabt hatte.
Unschlüssig, was er tun sollte, blieb er noch eine Weile auf dem Rücken des Gänserichs sitzen. Plötzlich sprang er hinunter und eilte in großen Sätzen von einem Erdhügel zum andern, bis er festen Boden unter den Füßen hatte; dann lief er eilig in der Richtung, wo der Hof lag, weiter.
Zufälligerweise saßen an diesem Abend in einer Kätnerhütte, die zu dem Gute Groß-Djulö gehörte, ein paar Leute um die offene Feuerstelle in eifriger Unterhaltung beieinander. Sie hatten über die Predigt gesprochen, über die Frühjahrsarbeit und über die Wetteraussichten; aber als die Unterhaltung etwas ins Stocken kam, baten sie eine alte Frau, die Mutter des Kätners, ihnen eine Gespenstergeschichte zu erzählen.
Es ist ja wohl bekannt, daß es im ganzen Reiche nirgends so viele Herrenhöfe und nirgends so viele Spukgeschichten gibt wie gerade in Sörmland. Die alte Frau hatte in ihrer Jugend auf den großen Gütern gedient und wußte so viele seltsame Dinge, daß sie bis zum nächsten Morgen hätte erzählen können. Sie brachte ihre Geschichten auch überaus gut und glaubwürdig vor; wer ihr zuhörte, ganz einerlei wer es war, fühlte sich versucht, alles für reine Wahrheit zu halten. Und die Leute rückten voll Angst näher zueinander hin, so oft die Alte sich mitten in ihrer Erzählung unterbrach und fragte, ob die andern nicht auch ein Geräusch gehört hätten.