„Auch das ist gut und nützlich,“ antwortete der Junge. „Ich habe es schon oft bemerkt.“
„Und möchtest du nicht ein Pfarrer werden und in deiner Kirche daheim predigen?“
„Wenn ich es so weit brächte, würden Vater und Mutter überglücklich sein!“ seufzte der Junge.
Auf diese Weise gab der Rabe dem Jungen zu verstehen, wie glücklich die jungen Leute seien, die in Uppsala studieren konnten. Aber der Däumling wünschte trotzdem nicht, einer von ihnen zu sein.
Gerade an diesem Abend wurde zufälligerweise das große Maienfest gefeiert, das in Uppsala jedes Jahr dem Frühlingsanfang zu Ehren gehalten wird. Es hätte eigentlich schon am ersten Mai stattfinden sollen; aber an diesem Tage hatte es in Strömen geregnet, und so war es auf einen andern Tag verschoben worden.
Jetzt sah Nils Holgersson die Studenten, als sie nach dem botanischen Garten zogen, wo das Fest gehalten wurde. In einem langen, breiten Zuge kamen sie daher mit den weißen Studentenmützen auf dem Kopfe, und die ganze Straße sah aus wie ein schwarzer, mit weißen Wasserrosen bedeckter Strom. Dem Zuge voran wurden weißseidene goldgestickte Fahnen getragen, und den ganzen Weg entlang sangen die Teilnehmer lauter Frühlingslieder. Aber Nils Holgersson war es, als seien es gar nicht die Studenten, die die Lieder sangen; ihm war, als schwebe der Gesang über dem Zuge, ja er hatte das Gefühl, als sängen nicht die Studenten dem Frühling zu Ehren, sondern als sei der Frühling irgendwo verborgen und singe für die Studenten. Nils Holgersson hätte gar nicht gedacht, daß Menschengesang so schön klingen könnte! Er klang wie das Sausen des Windes in den Tannenwipfeln, klang wie eherne Glockentöne und wie das Lied der wilden Schwäne draußen am Meeresufer.
Als die Studenten den Garten erreicht hatten, wo die Rasenflächen im Schmucke des ersten zarten hellgrünen Grases glänzten und die Frühlingsknospen der Bäume und Sträucher am Aufbrechen waren, hielt der Zug vor einer Rednerbühne; ein alter Herr stieg hinauf und begann eine Rede.
Die Rednerbühne war auf der Freitreppe des großen Gewächshauses errichtet, und der Rabe setzte den Jungen auf das Dach des Treibhauses. Da saß er in aller Ruhe und konnte alles ganz behaglich sehen und hören. Der alte Herr auf der Rednerbühne sagte, das beste im Leben sei, jung zu sein und in Uppsala studieren zu dürfen. Er sprach von der guten, friedlichen Arbeit des Studiums und von der reichen, sonnigen Jugendfreude, die nirgends so genossen werden könnte, wie in einem großen Kreise von Studiengenossen. Einmal ums andre betonte er das Glück, das darin liege, im Kreise froher, hochgesinnter Genossen leben zu dürfen; das mache die Arbeit so leicht, das Leid so flüchtig, die Hoffnungen so golden.
Der Junge betrachtete die in einem Halbkreis um die Rednerbühne versammelten Studenten, und da ging ihm ein Licht auf, wie über die Maßen herrlich es sein müßte, ihrem Kreise anzugehören. Welch eine Ehre und welch ein Glück, Mitglied einer solchen Schar zu sein! Da galt jeder gleich mehr, als er für sich allein gegolten hätte.
Nach der Rede wurde ein Lied angestimmt, und nach dem Gesang betrat ein neuer Redner die Bühne. Der Junge hätte nie geglaubt, daß die menschliche Sprache so erschüttern, aufmuntern und erfreuen könnte.