[Die Sage von Jämtland]
„Zu der Zeit, wo es noch Riesen in Jämtland gab, geschah es einmal, daß ein alter Bergriese auf dem Hofe vor seinem Hause stand und seine Pferde striegelte. Während er eifrig bei dieser Arbeit war, fingen die Pferde plötzlich vor lauter Angst heftig zu zittern an.
‚Was ist denn mit euch los?‘ sagte der Riese und sah sich um, was die Pferde wohl erschreckt haben könnte. Es waren aber weder Wölfe noch Bären in der Nähe zu erblicken; das einzige, was er entdecken konnte, war ein Wandersmann, der zwar bei weitem nicht so groß und stark war wie er selbst, aber doch recht stattlich aussah und offenbar auch über gute Kräfte verfügte, und der eben den Pfad heraufstieg, der zu der Berghütte führte. Aber kaum war der alte Bergriese des Wandersmanns gewahr geworden, als er auch schon von Kopf bis zu Fuß zitterte, gerade wie seine Pferde; er nahm sich gar nicht Zeit, seine angefangene Arbeit fertig zu machen, sondern lief eiligst in den Saal hinein zu seinem Weib, das an der Kunkel Werg spann.
‚Was ist denn los?‘ fragte die Frau. ‚Du siehst ja todesbleich aus.‘
‚Soll ich etwa nicht bleich aussehen,‘ erwiderte der Riese, ‚wenn ein Wanderer des Weges daherkommt, der ebenso gewiß, wie du mein Weib bist, Asa-Thor sein muß.‘
‚Das ist freilich kein willkommener Besuch,‘ erwiderte das Weib des Riesen. ‚Kannst du ihm nicht die Augen verhexen, daß er den ganzen Hof hier für einen Felsen hält und an unserer Tür vorübergeht?‘
‚Es ist zu spät, Zauberkunst auszuüben,‘ sagte der Riese, ‚denn ich höre ihn schon die Pforte öffnen und in den Hof hereintreten.‘
‚Dann rate ich dir, dich verborgen zu halten und mich ihn allein in Empfang nehmen zu lassen,‘ sagte die Frau schnell. ‚Ich will mein bestes tun, ihm das Wiederkommen zu verleiden.‘
Der Vorschlag gefiel dem Riesen über die Maßen. Er ging in die Kammer nebenan, seine Frau aber blieb auf der Frauenbank in dem Saal sitzen und spann ruhig weiter, als ahnte sie keine Gefahr.