Nachdem die Lehrerin einige Jahre an der Schule unterrichtet hatte, erging von der Schulbehörde die Aufforderung an sie, in dem Slöjdseminar[1] auf Nääs einen Lehrgang mitzumachen, damit sie später die Kinder lehren könne, nicht allein mit dem Kopfe, sondern auch mit den Händen zu arbeiten. Niemand kann sich vorstellen, wie überrascht die Lehrerin war, als sie diese Aufforderung erhielt. Nääs lag nicht sehr weit von ihrer Schule entfernt, sie war wiederholt an dem schönen, stattlichen Gute vorübergegangen und hatte über den Slöjdkurs, der auf dem großen, alten Herrenhof stattfand, viel Lobenswertes gehört. Aus allen Teilen des Landes wurden da Lehrer und Lehrerinnen versammelt, damit sie sich eine gewisse Kunstfertigkeit der Hände aneigneten, selbst vom Ausland kamen die Leute zu diesem Zweck herbeigereist; aber wie schön diese Aussicht nun auch für die Lehrerin war, so wußte sie doch schon im voraus, wie schrecklich ängstlich es ihr unter so vielen ausgezeichneten Menschen zumute sein würde, ja es war ihr gerade, als könne sie es einfach nicht durchmachen.
[1] Eine Art Gewerbeschule, hauptsächlich für Holzverarbeitung.
Anmerkung des Übersetzers
Aber der Schulbehörde eine abschlägige Antwort zu geben, das wagte sie auch nicht; so reichte sie also ihr Gesuch ein und wurde als Schülerin angenommen. An einem schönen Juniabend, am Tage, bevor der Sommerunterricht beginnen sollte, packte sie ihre Kleider und was sie sonst brauchte in eine kleine Reisetasche und wanderte nach Nääs; und wie oft sie auch unterwegs anhielt und wie sehr sie sich auch weit wegwünschte, sie kam schließlich eben doch an ihrem Ziele an.
Auf Nääs ging es lebhaft zu. Allen Teilnehmern an dem Lehrgang, die von den verschiedensten Seiten her eintrafen, mußten in den Häusern, die zu dem Gute gehörten, Zimmer angewiesen werden. Allen war es in der ungewohnten Umgebung etwas seltsam zumute; aber die kleine Lehrerin dachte wie immer, nur sie allein benehme sich ungeschickt und töricht; so hatte sie sich schließlich in eine solche Angst hineingearbeitet, daß sie weder sehen noch hören konnte. Und sie hatte auch wirklich Schweres durchzumachen: in einer schönen Villa wurde ihr ein Zimmer angewiesen, in dem sie mit noch einigen jungen Mädchen, die ihr gänzlich unbekannt waren, zusammen wohnen sollte! Und mit siebzig fremden Menschen zusammen mußte sie zu Abend essen! Auf ihrer einen Seite saß ein kleiner Herr, der im Gesicht ganz gelb war und ihr mitteilte, er sei aus Japan, und auf ihrer andern Seite befand sich ein Schullehrer aus Jockmock droben in Lappland! Und vom ersten Augenblick an ertönte lebhaftes Geplauder und Scherz und Lachen an den langen Tischen. Alle sprachen miteinander und machten gegenseitig Bekanntschaft. Sie war die einzige, die den Mund nicht aufzutun wagte.
Am nächsten Morgen fing die Arbeit an. Wie in allen Schulen, begann auch hier der Tag mit Gesang und Gebet; dann hielt der Vorstand des Seminars eine Ansprache über den Slöjd und gab einige kurze Verhaltungsmaßregeln, und dann, ohne daß sie recht wußte, wie es zugegangen war, stand sie vor einer Hobelbank, ein Stück Holz in der einen Hand und ein Messer in der andern, während ein alter Slöjdlehrer ihr zu zeigen versuchte, wie man einen Pflanzenstab machte.
Eine solche Arbeit hatte sie noch nie probiert; sie kannte die Handgriffe gar nicht und war außerdem so verwirrt, daß sie gar nichts von dem Gehörten verstand. Als der Lehrer weitergegangen war, legte sie Messer und Holz auf die Hobelbank und starrte nur immer geradeaus.
Ringsherum im Saal standen lauter Hobelbänke, und an allen sah sie Menschen, die mit frischem Mut an die Arbeit gingen. Einige von ihnen, die schon etwas bewandert in der Kunst waren, kamen herbei und wollten ihr helfen; aber sie war nicht imstande, die gegebenen Winke zu benützen, denn sie hatte das Gefühl, als ob alle miteinander aufmerksam darauf geworden seien, wie ungeschickt sie sich anlasse, und das machte sie furchtbar unglücklich; sie war wie gelähmt.
Die Frühstückszeit kam heran, und nach dem Frühstück kam neue Arbeit. Zuerst hielt der Vorstand einen Vortrag, dann folgte eine Turnstunde, und dann fing der Slöjdunterricht wieder an. Hierauf wurde Mittagspause gemacht. In dem großen, hellen Versammlungssaal wurde zu Mittag gegessen und Kaffee getrunken, und am Nachmittag ging man wieder an die Slöjdarbeit; dann kamen Singübungen an die Reihe und schließlich Spiele im Freien. Die Lehrerin war den ganzen Tag hindurch in Bewegung und immer mit den andern zusammen, fühlte sich aber immer noch ebenso unglücklich.
Wenn sie später an diese ersten auf Nääs verbrachten Tage zurückdachte, war ihr, als sei sie wie in einem Nebel herumgegangen. Alles war düster und verschleiert gewesen; sie hatte weder gesehen noch verstanden, was um sie her vorging. Dieser Zustand dauerte zwei Tage; am Abend des zweiten Tages jedoch fing es plötzlich an, hell um sie zu werden.
Nachdem das Abendessen an diesem zweiten Tag vorüber war, erzählte ein alter Volksschullehrer, der früher schon mehrere Male auf Nääs gewesen war, einigen neuen Schülern, wie das Slöjdseminar entstanden war, und da die kleine Lehrerin in der Nähe saß, hörte sie unwillkürlich auch zu.