So ists: jedoch weit mehr: es ist ein Menschen=Regen.
Komm Pluto! komm und sieh! o welch ein schöner Seegen!
Empfande Jupiter Angst, Schmerzen, Quaal und Noth,
Als seine Stirn erhitzt, und als ein Feuer roth,
Und aufgeblasen war, eh Pallas raus gesprungen;
Was Wunder, wenn dieß Heer die Wolke so gedrungen,
Und ihr so grosse Quaal und Unruh hat gemacht,
Biß sie durch Knall und Blitz dieß Unheil fort gebracht.
Wer muß ihr Anherr seyn? wie sind sie denn gestaltet?
Wie der, so Phrygien bey güldner Zeit verwaltet.
Nicht anders; Midas muß ihr Aelter=Vater seyn.
An Ohren sieht mans ja; die Werke stimmen ein.
Ein Volk, das an Verstand den schwachen Kindern gleichet.
An Boßheit aber kaum dem Teufel selber weichet.
Dieß Volk bedeckt die Welt; der Bart womit es prangt,
Zeigt gnug, wie viel es schon an Kraft und Stärk erlangt.
Ja Kräfte in der Faust; nicht aber im Gehirne,
Mit Runzeln wächst zugleich die Boßheit in der Stirne.

Steig alter Midas! steig! aus deiner schwarzen Gruft,
Hör! wie dein edles Volk so sehnlich nach dir ruft,
Vernimm wie treu es dich auch nach dem Tode liebet,
Und deinen weisen Spruch noch täglich von sich giebet.
Sieh! wie sich dein Geschlecht so wunderbar vermehrt,
Wie hoch es dich erhebt, wie sehr es dich verehrt.
Dieß dein erhitztes Volk verbietet den Poeten,
Daß sie auf ihren Rohr und nettgestimmten Flöthen
Nichts singen, das nach Kunst und Sitten=Lehre schmeckt,
Und wie Apollo dort der Götter Gunst erweckt.
Die Warheit will man nicht in ihren Schriften dulden,
Man straft und richtet sie ohn billiges Verschulden.
O wundert euch mit mir! daß viel so sinnreich sind,
Und in den Schöppen=Stuhl der Advocaten Wind
Und ihren Spötter=Kiel, den Gegner zu beschimpfen,
Die Fehler der Persohn, das Mund= und Nase=Rümpfen,
Gang, Kleidung, Jugend=Lust, und was dergleichen mehr,
Mit ganz gelassenen und fröhlichen Gehör,
Und lächlender Gestalt so klug vertragen können.
Sie leiden ohne Scheu daß zwey zusammen rennen;
Und wenn auch der Client aus Wehmuth und Verdruß,
Wohl zwanzig Bogen mehr als sonsten zahlen muß.
Dieß ist noch nicht genug; es wundere sich ein jeder,
Wenn das erhitzte Blut auf Schulen und Catheder
Sich unbescheiden zankt, und von dem Hauptzweck geht,
Aus Neid und Tadelsucht den Gegner beisend schmäht,
So hört man munter zu, und läßt sich unbekümmert.
Schreibt aber ein Poet, wie sich die Welt verschlimmert,
Und wie das Laster wächst, so sieht man scheel darzu,
Und läßt aus tollen Neid dem Dichter keine Ruh
Ob Orthodoxen schon sich auf den Schau=Platz stellen,
Und durch den scharfen Kiel die Feinde glücklich fällen,
Wie mancher Philosoph, wie mancher Moralist,
In dem ein reines Feuer, Verstand und Weißheit ist,
Hat von der Sitten=Kunst satyrisch gnug geschrieben,
Und dennoch sind sie stets in Ruh und Fried geblieben.
In Prosa fluchet man der Sitten=Lehre nicht;
Die arme Poesie wird ohn Verhör gericht.
Ein Redner, ein Poet steht in gelehrten Orden,
Und beyde sind schon längst zu Moralisten worden.
Ein jeder ehrt und liebt die Regeln der Natur;
Ein jeder folget ja der Tugend Licht und Spuhr,
Und zeigt die Laster=Bahn, und sucht der Welt zu nützen.
Allein der Dichter kan fast niemahls ruhig sitzen.

Zu dieser tollen Art und frecher Seltenheit,
Giebt der belebte Reim wohl nicht Gelegenheit;
Nein, sondern die Vernunft ist noch nicht ausgeheitert,
Weil sich der Weißheit Licht in ihnen nicht erweitert,
Weil sie die Tugend nie in ihrem Glanz erkannt;
Weil sie die meiste Zeit auf Trug und List verwandt;
Weil ihres Vaters Geist auf ihnen zweyfach lieget,
Ich meine, Midas Sinn, der sie so hoch vergnüget;
Ja seines Hauptes Schmuck, den sie zugleich geerbt,
Hat dieses Volkes Geist verfinstert und verderbt.
Da nun so Herz als Sinn und Ohr und Mund verdorben,
Und Tugend und Vernunft in ihrer Brust erstorben,
Was Wunder? daß dieß Volk Satyren haßt und scheut,
Und deiner Sitten=Lehr mit Fluch und Grimme dräut.
O! daß doch Knall und Blitz dieß Volck herab gesendet,
Das Klugheit und Vernunft in Dichter=Schriften schändet!

Wo ist die alte Zeit, in der die Dichtungs=Kunst,
Von grossen Königen, mit hoher Huld und Gunst
Und Preiß belohnet ward? Die Tage sind verschwunden,
Da man auch Dichter noch am Kayser=Tisch gefunden.
Augustus blieb ein Held der alle Welt bezwang,
Obgleich Virgilius an seiner Tafel sang.
Ward auch die Majestät durch diese That verletzet?
Weil er die Dichterkunst vor andern hoch geschätzet.
Des Nero Grausamkeit löscht doch den Ruhm nicht aus,
Daß er in seiner Brust ein würdig Musen=Haus
Bey seinen Thron erbaut. O! käm die Zeit zurücke,
Da Barbarossens Hof, so Gnaden=volle Blicke
Den Dichtern zugewandt! die von der Helden Schweiß,
Von ihren Löwen=Muth, Geschicklichkeit und Fleiß,
Wenn sie vor Staat und Reich, so treu sie nur vermochten,
Gerahten und gesorgt, mit Arm und Schwerd gefochten,
Gesungen und erzehlt: damit die neue Welt
Davon ein Beyspiel nähm, der kein Poet gefällt.
Wo bleibt jetzt Carolus der Eilfte der Franzosen?
Der selbst durch diese Kunst mit schönen Ehren=Rosen
Die Dichter überstimmt. Alfondus Kron und Macht,
Der England Seegen gab, erhebet ihre Pracht,
Und singt und spielet selbst. Wär Carl (a) noch jetzt auf Erden,
So würd auf seinem Wink manch Lied gesungen werden.
Ihr nahmt der Dichter Glück und Preiß mit euch ins Grab.
Bey eures Scepters Rest liegt unser Ehren=Stab
Vergraben und verdeckt. O! könntet ihr erwachen,
Und uns, wie Reich und Volk beglückt und herrlich machen!
Wo sind die Damen hin die Barbaros gekannt,
Die man mit Fug und Recht der Fürsten Zier genannt?
Verehrte nicht ihr Ohr geschickte Helden Lieder?
In welchen der Poet des Tapfern Herculs Brüder,
(Die Prinzen, die im Feld ein blutges Leder=Kleid,
Ein todt gehaunes Roß und Wahlstadt nicht gescheut;
Die Fürsten, die ihr Volk mit Billigkeit regieret,
Und mit Gerechtigkeit und Huld den Stab geführet,)
Der Ewigkeit geweyht, zum Beyspiel vorgestellt,
Und angepriesen hat. O! möchtet ihr die Welt
Mit eurer dunkeln Gruft, ihr Damen! jetzt vertauschen,
An manches Fürsten Hof und Prinzens Kammer lauschen!
Ihr würdet Wunder sehn, wie man der Dichtkunst spott,
Und ihr Gedächtniß fast aus Geist und Seele rott.
Wo fragen Damen jetzt nach alter Prinzen Thaten,
Ob auch ihr Regiment, und Feldzug wohl gerathen?
Homerus Helden=Lied weicht jetzt dem schnöden Reim
In dem Secundens Kiel der Liebe Honigseim
Natürlich abgemahlt. Banisens Flucht und Lieben
Ergötzt jetzt mehr als das, was Seneca geschrieben.

So giengs vor Zeiten nicht. Witz und Geschickligkeit
War damahls wie man weiß, der Dame schönstes Kleid
Und gröster Ehren=Schmuck; Tholusa läßt uns lesen,
Wie edel ihr Verstand, und Urtheils=Kraft gewesen.
Der Aquitaner Volk war, wie gesagt, auf Ehr
Und Ruhm und Glanz bedacht; und suchte nichts so sehr,
Als sich durch Tapferkeit und Weißheit aufzuschwingen,
Und in die Ewigkeit vor andern einzudringen.

Die Alleredelsten und Grösten an Vernunft,
Verbanden sich daher und schlossen eine Zunft,
Worbey der Vorsatz war, die Thaten ihrer Helden
In Liedern schöner Art der Ewigkeit zu melden.
Wer sich von ihren Volk auch sonst hervor gethan;
Wer im Turnier gesiegt und auf der Ehren=Bahn
Den höchsten Preiß erkämpft; dem pflegten sie in Schriften
Ein Denckmaal seines Ruhms auf gleiche Art zu stiften.
Ja wer sich um das Reich und Volk verdient gemacht,
Wer vor des Landes Ruh, der Bürger Wohl gewacht,
Dem suchte ihre Hand in herrlichen Gedichten
Ein köstlich Ehren=Maal und Lob=Lied aufzurichten.
Ein jeder dieser Zunft versuchte voll Bemühn,
Durch ein geschicktes Lied den Preiß an sich zu ziehn,
Warum? sie wehlten sich, wer möchte nicht gewinnen?
Das holde Frauenvolk zu ihren Richterinnen.
Da war der Damen Geist mit Weißheit ausgeschmückt;
Da ward der Preiß durch sie dem Würdigsten geschickt,
Der sich in Kunst und Fleiß vor andern angegriffen,
Und am geschicktesten auf Blat und Rohr gepfiffen.
Der Damen kluger Geist sah reif= und weißlich ein
Daß Dichter rechter Art nicht blose Schwätzer seyn;
Ihr Sinn forscht weiter nach, und straft mit Witz die Laster,
Erhebt die Tugenden, und zeigt wie man aufs Pflaster
Des Wohlstands treten soll; wie man die Seele nehrt,
Und sich durch Wissenschaft und Fleiß vom Pöbel kehrt;
Wie man das höchste Gut der Seelen=Ruh erlanget,
Und durch den Ehren=Kranz am Sternen=Himmel pranget;
Wie man, wenn andre hier im Welt=Getöse sind,
Dort in der Einsamkeit die gröste Anmuth findt.

Wer kan uns wohl anjetzt viel kluge Damen nennen,
Die von der Poesie ein Urtheil fällen können?
Ach leyder! ist bekant, daß man jetzt wenig findt,
Die von so hohen Geist, als wohl von Herkunft sind.
Warum? Die Zärtlichkeit läßt sich zu nichts mehr zwingen;
Was thun die Hände mehr als daß sie Knötgen schlingen.
Die Feder wird gewiß, so leicht nicht angesetzt;
Wenn nicht ein Liebes=Brief zuvor das Aug ergötzt,
Den Geist entzündet hat; wer wolte sonst was schreiben;
Man kan sich schon die Zeit auf andre Art vertreiben.
Ein lustig Karten=Spiel vergnügt die Brust weit mehr,
Als wenn man Tag und Nacht in Büchern fleißig wär;
Ja steht auch dieß nicht an, das Müthgen abzukühlen,
So läßt man nur im Bret und auf der Dame spielen.
O! solten wir den Preiß jetzt von den Damen sehn,
Wie würd es doch so kahl um Sieg und Vorzug stehn?

Zwar kan ein Dichter noch zuweilen dieß geniessen,
Daß Augen voller Gnad auf seine Blätter schiessen;
Allein er nehme sich mit seinen Kiel in acht,
Denn wer nicht schmeicheln kan, wird billig ausgelacht.
Der Lea must er nur die schönsten Augen geben,
Und Ahitophels Rath als Jethro Spruch erheben.
Er tadle Nathans Wort, daß er so frey geredt,
Und seinem Könige voll Glanz und Majestät
Nichts nachgesehen hat. Wo wird nach Bürger Sitten,
Der grossen Fürsten Lust und Handlung zugeschnitten?
Dem Ahab leg er ja die klügste Einsicht bey,
Daß nichts als Billigkeit in seinem Urtheil sey;
Die Flecken such er fein mit Farben zu bestreichen,
Und eine Jesabel der Sara zu vergleichen.
Er schmücke alles schön, und was ein Joab schaft,
Das nenn er fromm und treu, gerecht und tugendhaft.
Er darf sich nicht darbey gewissenhaft Geberden,
Vielweniger beschämt vor einer Lüge werden.
Hüllt er dieß alles nun in nette Kleidung ein,
So kan das Wiedergelt ein Gnaden=Blickgen seyn.
Doch nur allein vors Blat; sonst hat er nichts zu hoffen.
Zwey Menschen steht ein Weg zu gleichen Schicksaal offen;
Doch suchen sie umsonst: Ein Dichter und Chymist,
Weil einer so ein Narr als wie der andre ist.

Die Dichtkunst bleibt nicht nur ein Stief=Kind stets vom Glücke,
Ihr Lohn sind noch darzu der Mißgunst Feuer=Blicke,
Absonderlich wenn sich das Frauen=Volk bemüht,
Und nach der Musen Art die Sayten künstlich zieht.
Da sieht man Haß und Neid sich auf den Schau=Platz stellen;
Sie borgen von dem Hund das ungezähmte Bellen;
Sie knirschen mit dem Mund wenn unsre Lorbeer blühn,
Und suchen uns den Ruhm durch Lästern zu entziehn.
Der Ehre stoltzes Schif wird als vom Wind bestürmet,
Mit giftgen Schaum umringt, von Wellen aufgethürmet,
Um seinen schnellen Lauf nur Einhalt bald zu thun.
Ihr Toben läßt sie nicht bey unsern Siegen ruhn.
Der Neid, das Ungeheur das sich doch selber quälen
Und endlich fressen muß, wohnt in so vielen Seelen,
Die toben wider uns, wenn irgend unser Geist,
Ein Philosophisches und Dichter=Feuer weist.
Ihr dummer Hochmuth meint, wir dürften mehr nicht lesen,
Als nur wer Ismael und Moses Weib gewesen,
Wie dort Rebeccens Hand mit Isaacs Baarte scherzt,
Wie Hiob allen Hohn von seiner Frau verschmerzt.
Des Salomonis Spruch und Syrachs Sitten=Leben
Wär uns, nur Seneca und Plato nicht gegeben.
Blieb uns Sanct Paulus nur bekannt und offenbar,
So wär es schon genug: Uns gienge Pallas Schaar
Und Phöbus gar nichts an. Wir hätten gnug zu singen,
Die zarten Kindergen in Schlaf und Ruh zu bringen.
Zwirn, Nadel, Flachs und Garn, die Küche und der Heerd
Wär nur vor uns bestimmt; nicht aber Kiel und Schwerd.
Der Männer Eigenthum sey Feder, Buch und Waffen;
Nur ihnen wär allein ein Löwen=Herz erschaffen.
Gar recht! ihr brüllt zu Haus so arg als Löw und Bär.
Wie feurig, wie ergrimmt lauft ihr oft hin und her?
Ihr meint die Tapferkeit sey euch nur angebohren.
Ihr habt so manchem Glaß, o That! den Tod geschworen.
Ihr nennet euch beherzt; ihr kämpftet ritterlich;
Ich widerspreche nicht, denn dieses zeiget sich
Im Krieg, wo Cypripor der Venus Feldherr worden.
Ihr sagt: Die Wissenschaft wär nur dem Männer=Orden
Vom Schöpfer zugedacht: Ihr müstet nur allein
Beherrscher über Buch, und Kunst und Federn seyn.

Was vor ein toller Wurm hat euren Kopf durchfressen,
Daß ihr euch nur allein dieß Recht sucht beyzumessen?
Der Schöpfer hat uns ja mit gleichen Geist bedacht,
Und gleiche Seelen=Kraft und Triebe beygebracht.
Wie solten wir denn nun dieß theure Pfand und Gaben
Um euren Eigensinn zu folgen, gar vergraben?
So wahr Minerva lebt! so soll es nicht geschehn,
Daß wir auf euer Wort der Musen Dienst verschmähn.
Jemehr die Mißgunst raßt, und wider uns sich setzet;
Jemehr der Neid auf uns ergrimmt die Zähne wetzet;
Jemehr das Mannes=Volk aus toller Eifersucht
Auf unsre Wissenschaft, Kunst, Fleiß und Feder flucht,
Jemehr soll unser Geist das Chor der Musen lieben,
Jemehr wird untersucht, je mehr wird aufgeschrieben.
Wir sind dem Palm=Baum gleich, der sich gen Himmel schwingt,
Jemehr man Druck und Last auf seine Zweige bringt.