Bella: Wer liebt nicht die Blumen? — Vorgestern Abend saß ich bei meiner guten Mama. Sie blickte [tiefsinnig] auf einen herrlichen Strauß, der vor ihr stand. Ich aber las ihr vor aus den Psalmen: »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes« — ja, [unterbrach mich] Mama, — und die Blumen erzählen von der Liebe Gottes.
Gretchen: Ja, ja. Deine Mama liebt Blumen und Vögel und Musik und Poesie. Ihr geht es wie mir. Jede Blume ist für mich ein poetischer Gedanke der Natur. Begreifst Du das wohl? Viele Blumen haben auch einen Charakter wie die Menschen; das ist ganz gewiß wahr, Bella. An manchen kann man die Freude sehen, an anderen wieder die [Schwermut] oder die Liebe, auch den Haß und den [Stolz] oder die [Bescheidenheit].
Bella: Sieh' nur diese schöne Rose! Meinst Du nicht auch, daß die Rose die schönste sei unter allen Blumen?
Gretchen: Ja. Aber weißt Du auch, warum sie es ist?
Bella: Nein. Warum, Gretchen?
Gretchen: Weil die Rose von einer Frau [stammt].
Bella: Von einer Frau? Ha, ha, ha! Die Rose von einer Frau, o Gretchen!
Gretchen: Nun, höre einmal zu: Es ist schon lange her, da war in Corinth eine Nymphe und ihr Name war Rotanda; und sie war die Herrin von Corinth und war so schön, daß die stärksten und besten jungen Männer zu ihr kamen und um ihre Hand baten.
Sie aber hatte stets gesagt: »Wer meine Liebe gewinnen will, muß um sie kämpfen«; und sie floh in den Tempel der Diana. Ihre Bewunderer folgten und öffneten die Thüre des Tempels mit Gewalt, — und da stand Rotanda mit dem Schilde in ihrer Linken und dem Schwerte in ihrer Rechten; ihr Gesicht war gerötet, ihre Augen flammten in feurigem Mut.
Ah, wie schön! rief das Volk der Griechen; ah, wie schön! Sie sei die Göttin dieses Tempels! Und das Volk nahm die Statue der Göttin Diana und warf sie hinaus vor den Tempel.