Warum weinst du? sprach Gunther zärtlich und besorgt.
Auch du solltest weinen, antwortete schnell Brunhilde, über das Unglück deiner königlichen Schwester, die du erniedrigt und an einen Vasallen vergeben hast.
Später wirst du alles [erfahren], sprach Gunther darauf.
Nach der Tafel begannen die Kampf-Spiele. Brunhilde sah die Schilde, die Schwerter, die Lanzen, und die alte Kampf-Lust erwachte wieder in ihr. Und als des Abends Brunhilde ganz allein war mit Gunther, kam er in große Not: sie nahm ihren Gürtel, band Gunthers Hände und Füße, [trug] ihn zu einem Nagel und hängte ihn an die Wand im Zimmer.
Sein Bitten half nichts, er mußte hängen bleiben bis an den lichten Morgen. Da hatte sie [Mitleid] mit ihm und band ihn wieder los. Gunther kam zu Siegfried und klagte sein [Leid].
Da sprach Siegfried: Laß mich wieder mit ihr kämpfen; mir soll sie nicht widerstehen; in meiner Tarn-Kappe werde ich sie besiegen.
Und wenn du sie töten würdest, es wäre mir nicht leid; denn sie ist ein schreckliches Weib.
Noch einmal zog Siegfried seine Tarn-Kappe an, noch einmal besiegte er Brunhilde, nahm ihr Ring und Gürtel ab und ging. Ring und Gürtel aber schenkte er seiner holden Krimhilde. Hätte er es nicht getan, es wäre weiser und besser gewesen.
Noch vierzehn Tage dauerte das Hochzeits-Fest; länger konnte Siegfried nicht bleiben; nach Hause mußte er nun ziehen, wo ihn sein Vater schmerzlich erwartete, und wo seine Mutter täglich weinte um den Sohn, den sie verloren glaubte.
Wie herzlich küßten die glücklichen Eltern Krimhilde, ihres geliebten Sohnes Weib, als sie ankam. Wie viele Freuden-Thränen weinten sie, als ihr glücklicher Helden-Sohn vor ihnen stand!