Einst hatte er in jungen Jahren von Dichter-Ruhm und von Unsterblichkeit geträumt und in seinen reiferen Jahren sah er [Ruhm] und Unsterblichkeit, und die Bewunderung von Mit- und Nachwelt waren ihm reichlich zu teil, aber im Ringen des Geistes war die [Hülle] [zerbrechlich] geworden.
Der Poet war schwach und krank und sein Ende sah er eilends nahen. Ach, so vieles hätte er noch gerne sagen mögen von dem, was ihm die große edle Seele füllte, und da schrieb er sein letztes, sein lieblichstes von allen seinen Werken »Wilhelm Tell«.
Gretchen: Ja, ja, Martha, da hast Du recht, »Wilhelm Tell« ist ein Juwel in Schillers Werken.
Martha Meister: Mir ist es das liebste von allen seinen Dramen, und ich glaube, dem deutschen Volke ebenfalls. »Wilhelm Tell« ist Schillers Testament, und wie sein erstes, so ist sein letztes Drama — ein Sang der Freiheit.
»Bewahret euch die Freiheit; sie ist teurer, als alles, was ihr besitzet!« — rief er dem deutschen Volke zu. Mit seinem Propheten-Auge hatte er die nahenden trüben Zeiten gesehen und er kannte bereits den Tyrannen, der das Volk zu bedrücken kam, und darum wollte er vor seinem Tode seiner Nation noch zeigen, was ein edles Volk tun sollte, wenn man ihm sein Bestes, die Freiheit, rauben will.
Ob er recht gesehen hatte?
Im Jahre 1808 — Schiller weilte nicht mehr unter den Sterblichen — als Napoleons Hand schwer auf Europa und [vornehmlich] auf Deutschland [lastete], da spielte man im Theater zu Berlin »Wilhelm Tell«, Schillers Drama. Von Anfang an folgte man mit Spannung, bis zuletzt der Enthusiasmus schwoll und alle so gewaltig packte, daß das ganze Publikum sich von den Sitzen erhob und, sich selbst vergessend, mit den Schauspielern rief:
»Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern,
In keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
Eher den Tod, als in der [Knechtschaft] leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.«
Und den Deutschen kam wieder Mut und Kraft und Freiheit.
Gretchen: Ja, Napoleon hat dieses Drama gefürchtet, denn es hatte eine Macht, [bedeutender] als [Vogt].