Martha Meister: Das ist wahr. — Aber wie schön, Gretchen, ist die Sprache in »Wilhelm Tell«, nicht wahr? Es ist etwas Wunderbares in dieser Sprache, ein Etwas, das ich in keinem andern Drama von Schiller und auch bei keinem andern deutschen Poeten wiederfinde, — ich meine, es sei der Geist des Poeten, der noch ruht zwischen den Silben und Wörtern. Ich bitte Dich, liebe Schwester, sage doch einmal jene Stelle, in welcher Melchthal das Unglück seines Vaters beklagt.
Gretchen: Also, der junge Melchthal war von Hause entflohen vor dem tyrannischen Vogte und hatte Schutz gefunden beim edlen Walther Fürst. Stauffacher, der Patriot, kommt zu diesem, bespricht mit ihm des Landes Unglück und erzählt auch von der [Grausamkeit] des Vogtes, wie nämlich dieser den alten Melchthal [geblendet] habe, weil er nicht sagen wollte oder konnte, wohin sein Sohn sich geflüchtet hätte. Alles dieses hatte der junge Melchthal im nächsten Zimmer gehört; [er stürzt hervor], und in seinem großen Seelen-Schmerze ruft er aus:
»O, eine edle Himmels-Gabe ist
Das Licht des Auges — alle [Wesen] leben
Vom Lichte, jedes glückliche [Geschöpf] —
Die Pflanze selbst kehrt freudig sich zum Lichte.
Und er muß sitzen, fühlend, in der Nacht,
Im ewig Finstern — ihn [erquickt] nicht mehr
Der [Matten] warmes Grün, der Blumen [Schmelz],
Die roten [Firnen] kann er nicht mehr schauen —
Sterben ist nichts, — doch leben und nicht sehen,
Das ist ein Unglück. — Warum seht ihr mich
So jammernd an? Ich hab' zwei frische Augen
Und kann dem blinden Vater keines geben,
Nicht einen Schimmer von dem Meer des Lichts,
Das glanzvoll, blendend mir in's Auge dringt.«
So spricht der junge Melchthal und er schwört dem [Wüterich] Rache und spricht zu den beiden Männern, Walther Fürst und Stauffacher, daß sie an's Freiheits-Werk gehen mit ihm. Und sie machen einen Plan, und dann ruft der junge Melchthal diese Worte:
— »Blinder, alter Vater,
Du kannst den Tag der Freiheit nicht mehr schauen;
Du sollst ihn hören. — Wenn von Alp zu Alp
Die [Feuerzeichen] flammend sich erheben,
Die festen Schlösser der Tyrannen fallen,
In deine Hütte soll der Schweizer wallen,
Zu deinem Ohr die Freuden-Kunde tragen,
Und hell in deiner Nacht soll es dir [tagen].«
Bella: O, Gretchen, ist das herrlich!
Louis: Und wie schön, wie schön Sie das lesen, liebes Fräulein. Sehen Sie, meiner Schwester Martha kommen die Thränen aus den Augen.
Martha Parks: Ja, und Dir auch, Louis.
Martha Meister: Mit Thränen dürft Ihr aber nicht aus unserm Hause gehen; bleibet noch ein wenig hier, wir wollen — ja, was wollen wir doch gleich tun? Bella, Gretchen, sprechet!