Dr. Albert: Verzeihen Sie dieses Lächeln, mein liebes Fräulein, aber Ihre Frage ist wirklich überraschend für mich — und dabei sind Sie so originell und sehen mich so ängstlich, so neugierig an mit Ihren großen, schönen Augen! — Was auf Erden, beste Freundin, bringt Sie auf solche Gedanken?
Bella: Ich — ich —
Louis: Ich war es, nicht wahr, Fräulein Bella? Ich erzählte Ihnen, daß Bruder Albert seit kurzem immer sehr ernst sei und immer Falten auf der Stirne habe — etwa so — siehst Du, Albert, ganz wie ich jetzt, so siehst Du [gewöhnlich] aus.
Dr. Albert: Aha — ich verstehe. Die Herrschaften waren so gütig, meine Persönlichkeit zum [Gegenstande] ihrer Betrachtungen zu machen. Für diese Ehre schulde ich Ihnen großen Dank, in der Tat; allein da werde ich in Zukunft wohl recht vorsichtig vor Ihnen sein müssen. Also Falten haben Sie auf meiner Stirne entdeckt, wirkliche Falten und daher die wohlgemeinte Frage meiner Freundin: »Herr Doktor, sind Sie unglücklich?« Aber bedeuten Falten denn immer Unglück? Oftmals sind sie Zeichen der Sorge oder des Schmerzes und auch der Reue; oft aber deuten sie auf ernstliches Denken und sind wie die dunklen Schatten, welche hier und da auf grünen, sonnigen Bergen ruhen. Der [Landmann] sieht sie häufig mit Freude, denn gerade diese Schatten kommen von den Wolken, welche über den Bergen und auf ihren [Gipfeln] schweben und seinen durstigen Saaten den warmen, befruchtenden Regen [verheißen]. — Nun möchten Sie wohl gar zu gerne wissen, meine Freundin, was die Falten auf dieser Stirne bedeuten? Denken Sie ja nicht allzu viel nach, meine Freundin, sonst — sonst —
Bella: Bekomme ich auch solche Falten, nicht wahr?
Dr. Albert: Und das wäre doch schade, Bruder Otto, meinst Du nicht so?
Gretchen: Sie zeigen soeben, Herr Doktor, daß Sie selbst sehr gerne beobachten.
Dr. Albert: O gewiß, mein Fräulein, das thue ich, denn alles in der Welt hat Interesse für mich: Menschen und Pflanzen, Tiere und Steine, alles, alles. Die Betrachtung der Natur [zumal] gewährt mir hohen [Genuß]. Geht es Ihnen nicht auch so, Fräulein Martha?
Martha Meister: Auch ich finde viel Freude im Beschauen der Natur; allein wie wenig Gelegenheit findet man dazu in einer großen Stadt.
Bella: Das meine ich auch. Ich lese und höre so viel von dem Schönen, von den Wundern der Welt; aber hier bin ich [jahraus], jahrein inmitten einer [ungeheuern] Masse von Backsteinen. Ich möchte wohl auch einmal etwas in der Welt beschauen.