Dr. Albert: Wirklich? Dann gehen Sie doch einmal mit mir, wenn ich durch die Wälder [streife].

Bella: O, das wäre herrlich, Herr Doktor! — Nein, nein, es geht doch wohl nicht, denn Sie bleiben ja immer so lange fort. Was Sie da wohl tun, wenn Sie Tag und Nacht von Hause bleiben? — Ei, das möchte ich gar zu gerne erfahren, mein lieber Herr Doktor — aber das sind wohl auch Geheimnisse, nicht wahr?

Dr. Albert: Durchaus nicht, mein Fräulein. Ich weile gern in der großen Stadt, denn gerade dieses Lärmen und Treiben ist es, wodurch auch in mir die [Lust] zum [Schaffen] erweckt wird. Allein, wenn nach langem Studieren und Schreiben und Denken mein Auge ermattet und die Hand mir erlahmt und mein Ohr des nimmer endenden Geräusches müde wird, wenn mein Geist seine Frische verliert und den Mut und den Enthusiasmus, — dann schließe ich schnell mein Buch und mein Zimmer, dann ergreife ich die Flinte und eile hinaus in die weite, weite Welt und steige hinauf auf die Berge.

Oftmals geschah es dann wohl, daß ich lange nach Mitternacht noch lauernd im Gebüsche stand. Aus den schlanken [Tannen] kam dann das Reh mit dem Jungen arglos und langsam hervor und so lieblich war es im silbernen Lichte des Mondes anzuschauen, daß ich, auf die Flinte gestützt, ruhig blieb und mich so lange erfreute am Anblick, bis sie beide in graziöser Schnelle weiter dahin eilten.

Öfters aber schaute ich auf zum dunkelblauen Himmels-Zelte, zu den Sternen ohne Zahl, und unaussprechliches Staunen erfaßte mich über die unbeschreibliche Pracht. Wessen Seele müßte nicht heiligste Ehrfurcht empfinden vor solch' erhabenem Anblicke? Sind nicht viele jener Sterne tausend und tausendmal größer als der [Erdball]? Welcher Verstand könnte die Unendlichkeit des Welten-Raumes [erfassen], in dem alle diese Sterne ihre eigenen [Bahnen] mit unglaublicher Schnelle durcheilen! Der Mensch kann nur staunen. — Ein Nichts erscheint er sich selbst, ein Atom im [Weltall]; er beugt [in Demut] sein Haupt vor dem Schöpfer und versinkt in die tiefste [Anbetung]. In seinem Innern aber erhebt sich dann wohl jauchzend die Stimme: Der allgewaltige Schöpfer dieser wunderbaren, großen, unendlichen Welt ist ja auch dein liebender Vater; er wachet und waltet über alle Wesen mit Vater-Güte und dem Menschen gab er die [Einsicht], daß er dieses verstehe, und er gab ihm ein Herz, daß er es fühle. Dann hebt sich die Brust, und neues Leben durchrinnt mich wieder. Neue Gedanken und neue Pläne zu großen und guten Taten beginnen in mir zu [keimen]; elastisch springe ich auf aus meinem [Verstecke] und dringe vorwärts. überall um mich in den Büschen regt es sich, denn der Tag bricht neu an. Ich klimme aufwärts, bis ich den Gipfel des Berges erreiche, ah — von neuem eine unbeschreibliche Überraschung! Vor mir liegt der Ocean, endlos, endlos; ich erhebe meine Hände beim Anblick desselben, mein Herz strömt über von Glück, aus den Augen brechen Thränen der Freude, und meine Lippen murmeln — Worte des Psalmisten: »Preise den Herrn, meine Seele, die Welt ist seiner Herrlichkeit voll, die Majestät des Herrn ist groß und mächtig. — O, wie sind deine Werke wunderbar — alles hast du mit Weisheit geschaffen — die Erde ist voll deiner Güter. — Dem Herrn sei Lob und Ehr' in Ewigkeit.«

Martha Parks: O Albert, wie Du sprechen kannst. Ich könnte Dir immer zuhören.

Martha Meister: Herr Doktor, Sie sprechen mir wie aus der Seele.

Dr. Albert: Das will ich wohl glauben, mein Fräulein; ich sah in Ihre Augen und da las ich wie in einem Buche.

Otto: Geht es Dir auch so wie mir, Albert? Wenn ich mit Personen rede, welche mir ganz und gar sympathisch sind, dann entstehen auf einmal in mir Gedanken, die ich nie zuvor [gehegt]. Welch' wunderbare Macht doch das menschliche Auge besitzt!

Martha Meister: [Gleichen] hierin nicht manche Augen der Sonne, deren Strahlen Leben erzeugen, wenn sie auf fruchtbaren Boden fallen?