Dr. Albert: Nein, das nicht; aber wie ich sagte, meine Damen, es ist wirklich so.
Bella: Damenscheu! — O das ist wirklich interessant. Herr Doktor, wir lassen Sie heute nicht gehen, wenn Sie uns nicht viel, wenn Sie nicht alles, was Sie wissen, von Ihrem Freunde erzählen. Fangen Sie schnell an, bitte, bitte, lieber Herr Doktor, ich werde Ihnen dafür auch ewig dankbar sein.
Louis: Albert, solchen Bitten kannst Du nicht widerstehen, das weiß ich.
Dr. Albert: Wenn ich Ihnen [willfahre], Fräulein Bella, [so geschieht es] sicher gegen den Willen meines Freundes.
Bella: Er wird Ihnen vergeben; wir alle werden für Sie um Verzeihung bitten.
Dr. Albert: Wohl, dann will ich's wagen!
Ehe ich vor mehreren Jahren nach Deutschland reiste, hatte ich oft gehört, daß unsere [Eisenbahnen] viel besser wären, als diejenigen in Europa; und als ich nun nach meiner Ankunft in Deutschland abends spät in Hamburg in den [Eisenbahn-Zug] einstieg, um nach Hannover zu fahren, fand ich es wirklich so. Da war ich zum ersten Mal in einem [Coupé][VI-1]. Die Sitze an sich waren allerdings sehr bequem, allein das Coupé war recht [eng], und man hatte weder genügend Luft noch Licht und gar keine Freiheit der Bewegung. Man kann nicht, wie bei uns, von einem Wagen zum andern gehen, man hat nicht einmal Verbindung mit den Coupés[VI-2] desselben Wagens. Ich fühlte mich beengt. Wie unangenehm, dachte ich, muß es doch sein, wenn man in solch' kleinem Raume mit Reisenden zusammentrifft, welche uns nicht behagen, oder wie gefährlich könnte es werden, wenn man nachts allein mit [unredlich] Menschen reisen müßte. Dabei fahren die deutschen [Eisenbahnen] bei weitem nicht so schnell, wie die unsrigen.
Mehrere Stunden mochte ich wohl gefahren sein, als der [Schaffner] rief: »[Aussteigen]! Dieser [Zug] bleibt hier liegen, der nächste Zug nach Hannover kommt in einer Stunde.« — Ich stieg aus und ging in den [Wartesaal]. Es war eine Stunde nach Mitternacht und es war kühl. In dem hohen Zimmer, das vom Tabacks-Rauche schwarz gefärbt und darum düster war, brannte ein kleines Licht; ich war sehr müde und schlief bald auf einem Stuhle. Ein [heftiges] Schütteln erweckte mich; ein Mann hatte mich an beiden Schultern gefaßt und schrie mit Donner-Stimme mir ins Ohr: »Einsteigen nach Hannover.« Es war zwei Uhr. — Murrend über die rauhe Störung und noch halb schlafend, ergriff ich hastig mein Gepäck und eilte hinaus. Kaum erreichte ich meine Coupé, so brauste der Zug schon weiter. Ich sah mich um, — war ich allein? ha — in der einen Ecke saß ein Mann mit einem großen breiten Hute und blickte mich schrecklich an, so daß ich [unwillkürlich] nach meiner Pistolen-Tasche griff. Ebenso schnell war der [Kerl] in der Ecke aufgesprungen, hielt mir einen Revolver entgegen und schrie: Was wollen Sie? — Was wollen Sie? rief ich. — Ich will nichts, wohl aber Sie. — O, ich will auch nichts. — Warum griffen Sie nach Ihrem Pistol? — Weil Sie nach dem Ihrigen griffen und mich anstarren, [lüstern] wie ein Räuber.
Ich — ein Räuber! rief er und lachte dabei so herzlich, daß ich nun [völlig] [munter] wurde und mich wahrhaft schämte. Betrachten Sie mich ordentlich, guter Freund; sehe ich aus wie ein Räuber, sagte er und dabei nahm er seinen Hut vom Kopfe und zeigte ein sonnenverbranntes Gesicht. Die [Züge] desselben waren regelmäßig. Die Stirne war hoch und der Kopf höchst charakteristisch; wahrhaft schön aber waren die großen Augen. Ich bat ihn, mir meinen Irrtum zu vergeben. Bitte sehr, bitte, mein Herr, sagte er in melodischer, freundlicher Stimme; Sie sind ein Fremder, wie ich an Ihrer Sprache höre und tun sehr wohl daran, vorsichtig zu sein. — Wir reichten einander die Hände, setzten uns nieder und hatten bald die interessanteste Unterhaltung in englischer Sprache. Er sprach das Englische so rein und so fließend, daß es mir selber nicht klar wurde, welches von beiden Ländern seine Heimat wäre, ob England oder ob Deutschland. Er erzählte gerne und gut von seinen großen Reisen, er sagte mir, daß er gerade jetzt von einer Reise um die Welt nach dem Eltern-Hause in Berlin zurückkehre, und ich bemerkte ihm dann auch, daß ich selbst nach Berlin reisen wollte, um dort zu studieren. Ich erzählte ihm von meiner Familie und von meinen Absichten, und da die Sonne herauf kam, waren wir beide erstaunt, daß die Nacht so schnell vergangen war. Dieses war meine erste Nacht auf deutschem Boden, und dieses war meine erste Begegnung mit meinem Freunde.
Gretchen: Und ist das derselbe Freund, welchen Sie jetzt hier erwarten?