Dr. Albert: Derselbe, mein Fräulein.
Martha Parks: Armer Mensch! Er ist gar nicht glücklich, nicht wahr, Albert?
Bella: Aber was ist denn Ihrem Freunde Böses widerfahren, Herr Doktor?
Dr. Albert: Das ist eine traurige Geschichte. Sie sollen sie hören, vielleicht werden Sie dann weniger, als andere, seine Zurückhaltung mißdeuten.
Mein Freund ist kein geborner Deutscher. Sein Vater hatte in der Jugend Deutschland verlassen und war nach vielen Reisen zuletzt in Indien geblieben. Er gründete ein bedeutendes Handels-Haus, und seine Schiffe brachten die Schätze des Landes in alle Teile der Welt. Man hielt ihn für den reichsten unter den dortigen Handels-Herren. Seine Gattin war eine Engländerin, und da er im Osten seinem einzigen Sohne nicht die erwünschte [Erziehung] geben konnte, so kehrte er mit seiner Familie nach der Heimat zurück, wo er in Berlin sich einen fürstlichen Palast erbaute. Sein Sohn hatte dann das Gymnasium mit gutem Erfolge absolviert und war gerade zur Universität gegangen, als der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich ausbrach. Deutschlands Jugend eilte mit Begeisterung zu den Waffen, und auch mein Freund Heinrich stand nicht zurück. In den Schlachten war er der erste und hatte sich durch Tapferkeit und Mut derartig vor anderen hervorgetan, daß man ihn nicht allein mit [dem eisernen Kreuze] schmückte, sondern ihn auch zum Range eines Offiziers beförderte. Bei allen seinen Kameraden war er beliebt, und alle freuten sich über seine [Auszeichnung]. Er selbst war stets der fröhlichste von allen, voll [Lebenslust] und Witz, nie ermüdet und voll Vertrauen auf sein gutes Glück. Dies machte ihn zu [kühn]. In der Schlacht bei Gravelotte war er unter den Mutigsten der erste; vorwärts drang er, immer vorwärts, von Position zu Position; und er führte seine Kompagnie im Sturm-Schritte voran und schwang hoch und siegestrunken die [erbeutete] Fahne, da sank er, von einer Kugel getroffen, bewußtlos zu Boden.
Als er wieder zum Bewußtsein gekommen war, sah er sich verwundert um. Er war in einem fremden Zimmer auf einem bequemen [Lager]. Kameraden hatten ihn nach dem nahen Schlosse eines französischen Nobelmannes gebracht, und die Tochter des Hauses pflegte ihn unter Aufsicht des Arztes. Seine Verwundung war schwer; man [zweifelte] an seiner Errettung, er selbst aber sprach lebhaft in seinen Fieber-Phantasien von den Augen eines Engels, die schützend über ihm wachten. Und wirklich schien es so; denn was die Ärzte kaum zu hoffen gewagt hatten, das geschah — er [genas]. Und als er nach vielen Wochen endlich wieder zum ersten Male am Arme seiner treuen Pflegerin einen Gang in den Garten machen konnte, da war er wirklich zu neuem Leben erstanden. Glücklicher war er nie zuvor in seinem Leben gewesen und dankbar blickte er auf zu ihr — zu seiner Retterin. Sie verstand seinen stummen Blick. Kein Wort wurde gesprochen, nur die Vögel in den Büschen sangen lieblich. Ah, wie herrlich erschien beiden die Welt. — Schnell schritt seine Genesung nun vorwärts und nicht lange nachher erhielt er die [Weisung], in seine Heimat zurückzukehren. Zuvor jedoch hatte er beim Herrn des Schlosses um die Hand der Tochter gebeten, und das war mit ihrer Erlaubnis geschehen. Allein des Vaters höfliche, aber entschiedene Worte lauteten so:
»Mein Herr, Sie haben gegen mein [Vaterland] das Schwert geführt. Zu meinem größten Bedauern muß ich es aussprechen, daß dieser unglückliche Umstand eine nähere Verbindung mit meiner Familie unmöglich macht.« —
Mein Freund reiste nach seiner Heimat. Unaussprechlich war die Freude seiner Eltern über ihren geretteten Sohn. Ah — sie wußten nur von der einen Wunde, welche nun geheilt war, die andere, die schmerzlichere, die vom Pfeile Amors, konnten sie nicht sehen. — Gerne gaben sie ihrem Sohne die Erlaubnis, auf Reisen zu gehen. Unter fremdem Himmel, unter fremden Menschen hoffte er das Vergangene vergessen zu können. Sein Kämpfen war vergebens, — da eilte er endlich nach vielen, vielen [Monden] zurück in die Heimat derjenigen, um deren willen er so litt. Er erreichte die Stadt. Vom Turme läuteten die Glocken, und viele Menschen gingen zur Kirche. Auch er trat ein, noch [zeitig] genug, um die letzten Segens-Worte zu hören, welche der Priester über ein neu [vermähltes] Paar aussprach; und dann verließ das Braut-Paar die Kirche. Der Bräutigam war ein Offizier der französischen Armee und mit triumphierendem Blicke führte er an seinem Arme die schöne Braut. Aus ihren Augen aber rollten große Thränen. Waren es Freuden-Thränen? Dem Braut-Paare aber folgte ernsten Schrittes ihr Vater. Es war jener Nobelmann und er hatte nun seinen Willen durchgesetzt. Von diesem Tage an wurde mein Freund ernst und schweigsam. Er begann ein Leben voll rastloser Thätigkeit, machte eine Reise um die Welt, beobachtete die Menschen aller Länder, kam zurück, studierte weiter in Berlin und drang tief in alle Gebiete des Wissens ein. Er besitzt alles, was viele andere Menschen zufrieden und glücklich machen würde, allein er selbst ist es nicht. Wie oft habe ich ihn getröstet und ermuntert, wie oft ihm [Vorwürfe gemacht]; dann aber pflegte er zu sagen: Mein Lieber, ich habe lange und schwer gerungen, diese Schwäche zu überwinden, bis heute ist es mir nicht gelungen, ihrer Herr zu werden, und Gott allein weiß, ob ich dieses jemals erreichen werde. Mein Leben ist wie eine Landschaft zur Nacht-Zeit; auf Bergen und Hügeln und Flüssen und Seen und Fluren ruht das [matte] Licht des Mondes — wie ganz anders wäre doch alles im heitern [Sonnenscheine]. Es ist der Sonnen-Schein, der auch meinem Leben fehlt.
Bella: Und dieser Freund, sagten Sie, kommt jetzt zu uns hierher, Herr Doktor?
Dr. Albert: Ja, mein Fräulein, er folgt meinem Wunsche und seines Vaters Rat. Der Vater selbst war auch einmal in seiner Jugend hier gewesen.