Bella: Mißverstehen Sie mich nicht, Herr Doktor, ich fürchte nicht ihn, sondern seine große Gelehrsamkeit — ach, ich weiß so wenig, so wenig.

Dr. Albert: Darum haben Sie ja keine Sorgen — außerdem wird Otto Ihnen zur Seite stehen. Nicht wahr, Bruder Otto?

Bella: Was studieren Sie denn jetzt, Herr Otto?

Otto: Herders Werke. Den »Cid« und die »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« habe ich beendet. Das erste würde auch Ihnen, mein Fräulein, sehr gut gefallen. Heute Morgen las ich einige Parabeln, welche mir großes Vergnügen bereitet haben.

Bella: Würden Sie so gütig sein, Herr Otto, uns einige dieser Parabeln zu erzählen?

Otto: Recht gerne, mein Fräulein.

[Unmittelbar] nach Erschaffung des Weltalls war der Mond eben so groß und so brillant wie die Sonne. Damit aber war der Mond nicht zufrieden und sprach: Warum komme ich nicht vor der Sonne, warum muß ich ihr folgen? Und der Mond [grämte sich] und wurde dadurch bleich und klein. — Sein Glanz aber war in den Welten-Raum gegangen, und dadurch waren die Sterne entstanden. Mit Schrecken gewahrte der Mond seine Veränderung und er betete. Da sandte Gott einen Engel, der sprach also zum Monde: [Schuf] nicht der allweise Gott dich so groß und so schön wie die Sonne? Kam dein Unglück nicht durch deine eigene Schuld? Und nun mußt du so bleiben für ewige Zeiten. Doch mildere deinen Schmerz, guter Mond, denn wenn die Menschen nach des Tages Last ermüdet sind, so wenden sie sich mit Freude von der Sonne [Glut] zu deinem sanfteren Licht, und die Unglücklichen werden zu dir aufblicken und bei dir Trost suchen und finden, denn du selbst warst ja unglücklich und verstehst sie und fühlst mit ihnen.

Und so ist es noch heute.

Bella: Meinen besten Dank, Herr Otto; — nun aber sagen Sie mir auch, warum ist das Wort »Mond« ein Masculinum? Sie sagten immer »der Mond«.

Otto: Das weiß ich wirklich nicht, Fräulein Bella; weißt Du es, Albert?