Louis: Sehr schwer, Schwester. — Das Schwierigste habe ich heute studiert; gerade bevor ich hierher kam, da las ich dieses:

In Bagdad war einmal ein weiser und guter Kalif. Am besten aber war er immer, wenn er nach Mittag sein [Schläfchen] gehalten hatte, seine Tasse Mokka trank und seine lange Pfeife rauchte. Darum kam auch sein Großvezier immer um diese Zeit zu ihm; und als derselbe eines Nachmittags mit ernstem Gesichte eintrat, fragte ihn der Kalif: Großvezier, warum hast du denn heute Falten auf der Stirn? O, sagte der Vezier, als ich soeben in den Palast gehen wollte, sah ich vor der Pforte einen [Krämer] mit den schönsten Sachen stehen; zu gerne hätte ich manches für meine Gemahlin gekauft — allein mir fehlt es an Geld. — Gehe und bringe ihn herauf zu mir. — Der Großvezier ging und bald stand der Krämer vor dem Kalifen, der für sich selbst und den Vezier ein Paar schöner Pistolen kaufte und für dessen Gemahlin die feinsten [Kämme] von [Elfenbein] und die kostbarsten Ringe und [Armbänder]. Gerade wollte der Krämer seinen Kasten schließen, da bemerkte der Kalif in der einen Ecke noch ein Kästchen und fragte den Krämer, was er darin zu verkaufen habe. Ei, sagte der Krämer [geheimnisvoll], in diesem Kästchen ist ein wunderbares Pulver, ich habe es von einem andern Kaufmann erhalten, der es nebst einer Schrift selbst auf der Straße zu Mekka gefunden hat. Aber da ist niemand, welcher die Schrift lesen kann, denn es ist die einer ausländischen Sprache; ich will euch beides, Pulver nebst Schrift, zu den gekauften Waren überlassen. Und er gab beides dem Kalifen und ging. Dieser sah in die Schrift und wunderte sich, denn dieselbe war völlig verschieden von der arabischen, und er wurde sehr begierig zu wissen, was die Schrift enthalte. Da sagte der Vezier: Am Ende der Stadt, nicht weit von der Moschee, wohnt ein Mann namens Selim, die Leute nennen ihn den gelehrten Selim, denn er versteht alle Sprachen der Welt und gewiß auch diese; wenn ihr befehlt, so gehe ich und rufe ihn. Thue das, sprach der Kalif; und der Vezier ging und kam bald mit dem Gelehrten zurück. Der Kalif sagte zu ihm: Die Leute nennen dich den gelehrten Selim, zeige mir nun, daß du den Titel verdienst. Kannst du diese Schrift mir lesen, so werde ich dich reichlich belohnen; kannst du es nicht, so lasse ich dir fünf und zwanzig auf die Sohlen geben. Selim nahm die Schrift in die Hand und sagte dann nach einer Weile: Wahrlich, das ist Lateinisch und heißt im Arabischen so: Mensch, der du dieses hörest, preise Allah. So du von diesem Pulver nimmst und schnupfest und dich dreimal nach Osten beugest und das Wort mutabor sprichst, kannst du dich verwandeln in die Form eines jeden Tieres, das du siehst, und kannst auch dessen Sprache verstehen; doch [mußt du dich hüten zu lachen], sonst wirst du das Wort vergessen, das notwendig ist, um wieder Mensch zu werden. — Als der Kalif dieses hörte, beschenkte er den Gelehrten reichlich, gebot ihm tiefes Schweigen und hieß ihn gehen.

Am nächsten Morgen früh war der Kalif mit seinem Vezier in dem großen Garten des Palastes, aber da sie kein Tier sahen, so gingen sie weiter und kamen in das Feld an einen [Teich]. Da machten sie Halt, denn aus dem Wasser kam soeben ein Storch und bald flog ein anderer zu ihm aus der Luft, und sie hoben die langen [Schnäbel] und sahen sich an und bald machte der eine und dann wieder der andere klapp, klapp. — Die beiden dort führen sicherlich eine [Unterhaltung], sagte der Kalif, ich möchte wohl hören, was sie zu sprechen haben, gieb mir doch von dem Pulver. Der Vezier nahm die [Schachtel] mit dem Pulver aus der Tasche. Nimm du zuerst, Vezier, ich will doch sehen, wie die Sache wird. Der Vezier nahm darauf von dem Pulver, schnupfte es, sagte mutabor und bückte sich drei Mal gegen Osten, und da wurde seine Nase so lang wie der Schnabel eines Storches, sein Bart und seine Haare wurden zu Federn, seine Arme wurden zu Flügeln und seine Beine lang und [dürr] wie Storch-Beine. Verwundert rief da der Kalif: Vezier, ihr seid wahrhaftig ein ganzer Storch, wie drollig ihr ausseht, nein, so etwas sah ich im Leben noch nicht. Nun gebet mir schnell von dem Pulver. Und der Kalif nahm auch von dem Pulver, sagte auch das Wort mutabor, bückte sich ebenfalls dreimal gegen Osten und siehe, auch er war nun ein Storch. Beide horchten und verstanden die folgende Unterhaltung. Der erste Storch, welcher aus dem Teiche gestiegen war, hatte zum andern zu sprechen begonnen: Guten Morgen, Fräulein Nichte! — Guten Morgen, Frau Tante. — Haben Sie gut geschlafen? — Danke, so, so. — Wollen Sie heute Morgen [Frühstück] mit mir nehmen? — Ach nein, ich danke, habe gar keinen Appetit, meine Mama hat heute Abend große Gesellschaft, da soll ich vor den Gästen Solo tanzen und da kam ich soeben hierher, um noch ein wenig zu [üben]. Entschuldigen Sie gütigst, Frau Tante. — Darauf ging der Storch gravitätisch auf- und abwärts, drehte sich links und drehte sich rechts und bewegte die Flügel hin und her. Das alles war aber so außerordentlich komisch, daß der Kalif laut zu lachen begann und Kalif und Vezier lachten so lange, bis der letztere endlich sagte: O[,][VI-4] o, nun aber kann ich wirklich nicht mehr. Die Störche hatten sich verwundert umgeschaut und waren erschreckt davon geflogen.

Plötzlich aber sagte der Kalif: Vezier, wir sollten ja nicht lachen — Vezier, welches ist doch das Wort? Mu—mu— machte der Vezier, mehr konnte er nicht hervorbringen und auch der Kalif hatte das Wort vergessen. Sie bückten sich wohl tausendmal gegen Osten — aber das half nichts, sie blieben Störche.

Das aber war doch recht traurig, denn als Storch wollte der Kalif nicht zurück gehen in die Stadt; und sie sannen hin und her, was wohl am besten zu tun sei. Da kamen sie zuletzt auf die Idee, nach Mekka zu fliegen zum Grabe des Propheten; dort wollten sie um Hülfe bitten. — Sofort begannen beide zu fliegen, und als sie hoch in den Lüften über Bagdad schwebten, gewahrten sie auf den Straßen der Stadt ein großes Gedränge der Menschen. Viele waren zu Pferde, und ihnen voraus ritt ein junger Mann auf weißem Rosse mit prächtigen Waffen und Kleidern.

Ah — sagte der Kalif zu seinem Vezier, das ist Mansor, der Sohn meines Feindes; er zieht jetzt ein in mein Schloß als Kalif. Ich verstehe nun alles, ich weiß nun zu wohl, wer jener Kaufmann war, der mir das Pulver brachte, — es war sein Vater, der [Zauberer]. Welch' ein Komplott! Vorwärts, Vezier, komme hinweg aus dieser Stadt, vorwärts nach Mekka! Und so schnell flog er, daß der Vezier kaum folgen konnte. Zuletzt — es war schon Abend geworden — sagte der Vezier: Ich kann nun wahrlich nicht mehr; ich sehe dort in der Ferne eine Ruine, laßt uns daselbst über Nacht verweilen.

Als sie an das alte [Gemäuer] gekommen waren, wollte der Kalif hinein gehen, der Vezier aber hielt ihn am Flügel zurück und sagte: Ihr werdet doch nicht hinein gehen, wer weiß, was darin ist. Der Kalif aber war furchtlos und schritt voran; ängstlich folgte der Vezier. Erst kamen sie durch einen langen dunkeln [Gang] und dann in einen andern, der war sehr eng. Kaum hatten sie die Mitte erreicht, so vernahmen sie ganz deutlich vom andern Ende ein leises Wimmern. Sie hielten an und zitternd flüsterte der Vezier: Ich flehe, laßt uns zurück; hier sind [Gespenster]. Der Kalif aber ging weiter und so auch der Vezier. Am Ende des Ganges war ein kleines Zimmer, nur wenig Licht fiel durch die engen Spalten der Mauer. Hier war das Wimmern deutlich zu hören, es kam aus einer Ecke. Beide sahen dahin — zwei große schwarze Augen glänzten dort — der Vezier schauderte. Der Kalif aber sah — es war eine [Eule]. Höchst merkwürdig, die Eule konnte sprechen: Ihr Störche seid mir ein gutes Zeichen, darum seid mir willkommen! — Wer bist du? fragte der Kalif. — Ich bin die Prinzessin von Indien. — Ein böser Zauberer war zu meinem Vater gekommen und wollte mich zum Weibe haben für seinen Sohn. Darüber wurde mein Vater sehr zornig und ließ ihn aus dem Palaste treiben. Aber als Sklave verkleidet kam er wieder, und als ich eines Tages im Garten spazieren ging und um einen Becher frischen Wassers bat, brachte er es mir. Allein er hatte ein Pulver in das Wasser getan, und da ich es trank, wurde ich in eine Eule verwandelt. Der böse Mann brachte mich dann hierher und sagte zu mir: Hier mußt du ewig weilen, es sei denn, daß du Jemanden fändest, der dich zum Weibe nehmen wollte. Die Eule schwieg, und nun erzählte der Kalif seine Geschichte. Als er zu Ende war, sagte die Eule wieder: Ich kenne ihn sehr wohl, diesen Zauberer, denn es ist derselbe, welcher mich hier gefangen hält. Wenn ihr mich erlösen wolltet, könnte ich euch wohl helfen. Da nahm der Kalif den Vezier bei dem einen Flügel, führte ihn zur Seite und begann leise mit ihm zu reden: Vezier, ihr müßt zur Eule gehen und sie bitten, daß sie eure Gemahlin werde, denn ihr habt gehört, daß sie nur auf diese Weise [erlöst] werden kann und uns helfen will. — Nein, o nein, sagte der Vezier, das geht nicht an — eine Eule zur Frau! — o! — außerdem habe ich ja schon eine zu Hause; was würde die mit mir tun, wenn ich eine andere Frau nach Hause brächte, — es ist viel besser, ihr heiratet sie selbst, denn ihr habt ja doch noch kein Weib. — Dem Kalifen war es nicht lieb — aber was konnte er tun? Er wollte doch kein Storch bleiben! Er ging daher zurück zur Eule, verbeugte sich tief und sprach: Schöne Prinzessin, ich, der Kalif von Bagdad, komme zu euch und bitte um eure Hand, gewährt sie mir und werdet mein Weib. — Und beschämt schlug sie die Augen nieder, kam [zögernd] aus der Ecke hervor und sagte leise: Ja; und dann fiel der Kalif nieder vor ihr auf die Kniee. Die Eule war sehr glücklich und sie lächelte lieblich und sprach: Jeden Monat kommen die Zauberer des Landes einmal in diesem alten Schlosse zusammen und halten ein großes Mahl und erzählen dann, was sie getan haben. Auch heute Abend kommen sie hierher; vielleicht vernehmen wir dann das Wort von dem bösen, bösen Manne. Folgt mir, ihr Herren Störche, ich führe euch jetzt zum Platze. Sie schritt voran, die beiden Störche folgten. Es ging durch viele Thüren und Zimmer und schmale Gänge. Zuletzt blieb sie vor einer Pforte stehen. Durch eine [Spalte] konnte man in eine große Halle sehen, in welcher viele Lichter brannten. An einer langen Tafel saßen viele alte Männer mit langen, grauen Bärten, vor sich hatten sie hohe [Becher] mit Wein stehen und sie tranken viel, — am andern Ende saß derselbe Alte, welcher ihnen das Pulver mit dem Manuskripte gegeben hatte. Die drei warteten lange und lauschten und sie hörten alles, was gesprochen wurde. Da stand zuletzt jener alte Krämer auf und erzählte laut lachend, wie er den Kalifen in einen Storch verwandelt habe. Alle fragten ihn darauf: Welches Wort hast du ihm denn gegeben? Mutabor, sagte er. Als der Kalif dieses hörte, sprang er schnell zurück, aus der Ruine. Die Sonne erschien gerade am östlichen Himmel, da bückte er sich dreimal und sprach mit lauter Stimme: Mutabor, und so tat auch der Großvezier, und wirklich! sie wurden wieder zu Menschen.

Kalif und Vezier umarmten sich lange und herzlich vor großer Freude, und als sie sich endlich von einander los machten, sahen sie bei sich stehen eine holde [Jungfrau], so schön sie noch keine gesehen hatten. Ich bin die Prinzessin von Indien, sagte sie. — Meine geliebte Braut, rief der Kalif; und alle kamen wieder nach Bagdad, und das Volk war glücklich, daß sein Kalif wieder da war.

So, nun bin ich zu Ende. — Nun, geliebtes Schwesterchen, wie gefällt Dir diese Philosophie?

Martha Parks: Das ist sehr schön, lieber Bruder Louis. Hast Du dieses alles selbst gedacht, als Du so ruhig hier saßest?