Ottilie: Luise, Luise, ich fürchte, du begehst einen großen Irrtum!
Luise: So, meinst du? Ich dachte es auch heute Morgen, und öffnete deshalb die Thür und hoffte, er würde wieder kommen; und richtig, ich höre Schritte nahen — das waren seine Tritte — warte, dachte ich, ich will es dir nicht zu leicht machen, und setze mich ans Fenster und drehe der Thüre den Rücken zu. Richtig, er tritt ein, und ich bleibe eine Weile stille sitzen und schaue zum Fenster hinaus, jeden Moment denkend, er müsse nun kommen, mich in seine Arme zu fassen — aber er bleibt still. Ich drehe mich um und sehe — denke dir meinen Schrecken — einen fremden Herrn auf meinem Sopha ausgestreckt. Als er mich sieht, ist er ebenso erschreckt wie ich selbst und stammelt in Verwirrung ein paar Worte: Pardon — Irrtum —, giebt mir in Hast seine Karte und ist im Nu — mit den Schuhen in der Hand und dem Rocke auf dem Arme — zur Thüre hinaus, und das alles ging so schnell wie der Blitz und so komisch, daß ich trotz meines [Elendes] nun auch laut, laut lachen mußte.
Ottilie: Nein — das muß ich sagen — der zweite Tag deines ehelichen Lebens fängt komisch genug an. Laß mich die Karte sehen.
Luise: Hier — hier ist sie.
Ottilie: Hm. — Friedrich Baron von Sellen; sieh', sieh'. Weißt du, Freundin, das geht so nicht mit dir und Rudolf — ihr müßt euch wieder vereinigen und zwar heute Morgen noch. Ich habe eine gute Idee. Wir schreiben ihm ein Billet — und — nun, du sollst sehen, er wird schon kommen.
Luise: O ja, er muß zu mir kommen; er war allein schuld, o, der häßliche Mensch!
Ottilie: Komm, komm nur auf mein Zimmer!
[Beide ab.]