Anna: Sie sind sehr gütig, Otto.
Otto: Sagten Sie nicht einmal, der Winter sei die schönste Jahreszeit?
Anna: So sagte ich, und heute muß ich dasselbe sagen.
Otto: Sehr wohl. Als ich gestern von Ihnen ging, dachte ich: Ich will noch ein wenig in den Park reiten. Mein Pferd wurde gesattelt, und bald war ich aus der Stadt, war allein mitten im Walde. Welche Luft (= Wind)! so frisch, ah — so rein; und mein Pferd trabte vorwärts, — vorwärts. Alles um mich war still, ruhig. Aber die Sonnenstrahlen fielen (ich falle, ich fiel, ich bin gefallen) auf die Erde, welche hier und da noch grünte, und das Blau des Himmels war heute klar und ruhig; keine Wolke stand am Himmel. Ich sah ihn (= den Himmel) über mir und sah ihn durch die Zweige der Bäume. Die Bäume, — da standen sie und hatten keine Blätter mehr; von dem starken Stamme gehen Äste nach allen Seiten, und die Äste gehen wieder in so viele, viele kleine Zweige, aber alles endet in Pyramidenform. Welche Symmetrie; ich bewundere die Schönheit des Baumes im Winter, wie ich sie bewundert hatte im Sommer. Ich war so glücklich! Mein braves Pferd trabte langsam weiter und ging nach meinem Willen; ich glaube, es verstand mich und meine Freude. Und ich sprach zu mir selbst: Die Natur ruhet (= rastet). Wie eine schöne junge Dame nach dem Balle, so hat die Natur nach dem Sommer ihr kostbares, grünes Gewand abgelegt und ruht; der frische Wind kühlt sie nun, bald wird sie schlafen im weißen Schneebette, — o, welche Schönheit!
Sie wird sich ausruhen, bis sie wieder stark ist, und schöner als zuvor wird sie dann erwachen zum neuen Frühling.
Wir hoffen, hoffen. Still, still, laßt sie schlafen. Kein Vogel singt, und das Reh eilt (= geht schnell) leise (= nicht laut) vorüber, still, laßt sie (= die Natur) schlafen, laßt sie schlafen.
Louis: Mein Bruder Otto spricht wie ein Poet. Nicht wahr, Fräulein Bella?
Bella: Ja wohl, und hat Illusionen wie ein Poet.
Herr Meister: »Illusionen wie ein Poet.« Wie soll ich das verstehen, Fräulein?
Bella: Ich bin oft durch Feld und Wald gegangen, habe weder im Sommer noch im Winter (= nicht im Sommer und nicht im Winter) dieses Wunderbare gesehen, von dem Freund Otto und die andern Herren Poeten so viel singen.