Bella: Wir erzählten der Frau Doktor alles, was wir bei Ihnen gehört hatten, Herr Meister, über die Königin Luise, und unsere Freundin sagte: »Sie war so gut, diese Königin Luise, so gut, wie ein Engel;« und dann sprach sie von ihrem (= Luisens) Marmorbilde im Mausoleum in Charlottenburg. Haben Sie es auch gesehen, Herr Meister?
Herr Meister: Ja wohl, mein Fräulein. Es sind nun viele Jahre, da ging ich an einem Nachmittag im Sommer von Berlin durch den Tiergarten und kam bald nach Charlottenburg in den königlichen Park. Ganz am Ende im Schatten der hohen Bäume stand eine Kapelle. Ich trat ein (ich trete ein, ich trat ein, ich bin eingetreten), ein mildes blaues Licht fiel auf eine Figur, die schlief so ruhig, so sanft auf ihrem Bette. Mir wurde selbst so wohl, so ruhig im Herzen, ich mußte die Hände falten und beten. Ich stand vor dem Marmorbild der Königin Luise. An ihrer linken Seite ist das Marmorbild ihres Gemahls, des Königs Friedrich Wilhelm III., ebenfalls (= auch) schlafend auf dem Bette. Beide Bilder sind von dem großen Künstler Rauch gemacht.
Louis: Anna, was hat Ihnen Ihre Freundin noch mehr gesagt?
Anna: Ah, Louis, Sie sind heute sehr neugierig.
Herr Meister: Entschuldigen Sie, mein Fräulein. Hier muß ich für meinen Freund Louis sprechen. Dieses Mal können Sie nicht sagen, daß Louis neugierig ist, er ist nicht neugierig, sondern wißbegierig. Louis möchte gern viel wissen, viel lernen; darum fragte er dieses Mal. Neugierde ist nicht gut, aber Wißbegierde ist gut.
Anna: Entschuldigen Sie mich, Louis. Bitte.
Louis: Wohl, ich will Sie entschuldigen, und ich will nicht böse mit Ihnen sein, wenn Sie alles erzählen wollen, was Sie gestern von Ihrer Freundin gehört haben.
Bella: Thue es, Anna.
Anna: Sehr gern. Unsere Freundin erzählte uns eine Geschichte, die mir sehr gut gefallen hat. Es ist die folgende Geschichte: