Hier schicke ich Dir meine Photographie. Du wirst Dich wundern, mich im Winter in Kleidern von weißem Linnen zu sehen und fragen: »Ist es im Dezember in Berlin so warm, daß die Leute in weißem Linnen gehen?«

O, mein Freund, es ist hier sehr kalt, so kalt wie in New York. Der Wind bläst durch die Straßen, und der Schnee liegt zwei Fuß hoch. Nicht alle Leute gehen jetzt in Linnen. Auch ich gehe nicht immer so, nur einmal in der Woche, am Mittwoch Abend von acht Uhr bis zehn; — dann bin ich in der Turnhalle, denn ich muß Dir nur sagen, ich bin in einem Turnklub oder einem Turnvereine. Mittwoch Abend bin ich in der Turnhalle, und habe Gymnastik. O, wie ist das schön, mein lieber Louis, mit hundert, oft zwei hundert Männern nach der Musik zu marschieren oder springen. Wir laufen, schwingen, fechten, boxen und tanzen; kurz, wir thun alles, was uns stark und gesund macht. Ah, seitdem ich turne, befinde ich mich wohl. Du weißt ja, ich war früher in New York oft sehr nervös. Seitdem ich Turner bin, bin ich frisch und wohl, bin immer fröhlich und studiere mit Freude. Hier in Deutschland ist das Turnen an allen Schulen obligatorisch; das heißt: In allen Schulen muß geturnt werden, und alle Schüler müssen so gut turnen lernen, wie schreiben und lesen. Ist das nicht schön? Ich meine, gewiß Ludwig Jahn war ein weiser Mann. Du mußt nämlich wissen, Ludwig Jahn hat zuerst das Turnen begonnen mit wenigen Schülern hier in Berlin im Jahre 1811, und heute haben wir Turnhallen in ganz Deutschland, und viele tausend Studenten ehren (= respektieren) den »Turnvater« Jahn. Aber ist es nicht traurig, daß es so oft den Männern schlecht geht, die der Welt Gutes thun? So ging es Columbus, so ging es Galilei, so ging es Johann Gutenberg, dem Erfinder der Buchdruckerkunst, so ging es Schiller und auch dem Turnvater Jahn. Warum sind die Menschen (= Leute) so undankbar gegen die Männer, die ihnen Gutes thun? Nach dem Tode, ja nach dem Tode ehrt man die großen Männer, aber erst nach dem Tode! Da ich vom Traurigen spreche, so will ich Dir auch mitteilen (= schreiben), daß Bayard Taylor, der amerikanische Gesandte, der Schriftsteller (= Autor), Poet und Reisende, tot ist. Alle Amerikaner Berlins waren an seinem Sarge. Tausende von Menschen waren da, und auch die besten Schriftsteller Deutschlands, wie Berthold Auerbach, Paul Lindau, Paul Heyse, Friedrich Spielhagen und Julius Rodenberg. Berthold Auerbach, ein persönlicher Freund von Bayard Taylor, sprach wunderschön an seinem Sarge. Ich sehe, Deutschland fühlt den Verlust des Mannes so tief wie Amerika und trauert.

Bei meiner Photographie in diesem Briefe ist noch eine andere, die Photographie einer alten Burg (= das Kastell), »die Wartburg.« Am elften August dieses Jahres war der hundertjährige Geburtstag unseres Turnvaters Jahn, und die Turnvereine Deutschlands machten eine Exkursion oder Turnfahrt nach der Wartburg. Warum die deutschen Turner gerade nach dieser alten Burg gehen, würdest Du wohl verstehen, wenn Du die Rede meines Freundes Heinrich gehört hättest. Ich schreibe Dir das, was ich heute noch weiß. Mein Freund begann so:

»Turnbrüder, Freunde! Aus allen Enden unseres schönen, deutschen Vaterlandes sind wir heute hierher gekommen, um ein Fest zu feiern: den hundertjährigen Geburtstag unseres Turnvaters Jahn. Warum, meine Brüder, kommen wir hier zusammen, in dieser alten, alten Burg? Weil dieser Ort (= der Platz) allen Deutschen so teuer ist, so teuer sein muß; und wie Gott einst zu Moses sprach, so will ich zu Ihnen sprechen: Nehmet eure Schuhe von euren Füßen, denn das Land, auf dem ihr steht, ist heilig. Dieses Thüringen, meine Brüder, dieses Thüringen ist heilig; der Boden, auf dem ihr steht, ist heilig, und die Steine, die ihr hier seht, sind heilig. In dieser Burg lebte die heilige Elisabeth; hier lebten und dichteten (= schrieben die Gedichte) die großen Poeten unserer alten deutschen Litteratur; hier schrieb [Walther][XI-1] von der Vogelweide seine schönen Lieder; hier lebte Wolfram von Eschenbach; hier kämpften die alten Ritter so manchen harten Kampf mit dem Schwerte, und hier kämpften auch die edlen Ritter des Gesanges und der Poesie den edlen Kampf in der Kunst, — den Sängerkrieg auf der Wartburg. Hier in diesen Mauern lebte auch Luther; hier schrieb er seine deutsche Bibel, und hier gab er uns die deutsche Sprache, die wir heute sprechen. Ist dieses nicht heilige Erde, meine Brüder?

Und sehen Sie dort, — nur wenige Meilen von hier, da lebten auch Herder und Wieland, und Schiller und Goethe. O Thüringen, mein Thüringen, du bist mir teuer! Du bist das Herz Deutschlands, und die Kultur, unser Leben kommt von dir und geht in alle, alle Teile. Darum lieben wir dich, mein Thüringen, mit unsrem ganzen Herzen.

Und nun, ihr Turnbrüder, alle, rufet: 'Thüringen, Thüringen, lebe hoch!'« So sprach mein Freund.

O, lieber Louis, Du hättest das »Hoch« hören sollen, das Hoch von tausend starken Männern gerufen. Du hättest den Enthusiasmus sehen sollen! Ich werde das niemals, niemals vergessen.

Aber hier will ich meinen Brief schließen (= enden), er ist lang, nicht wahr?

Grüße mir Deine Freundinnen Anna und Bella und auch Herrn Meister. Wunderst Du Dich, daß ich den Namen Deiner Freunde kenne? Ah, ein kleiner Vogel kam aus New York nach Berlin und sagte mir alles.

Schreibe bald
Deinem treuen Bruder
Albert.