Herr Meister: Und für Sie, Freund Otto, habe ich einen Roman von Paul Heyse: »Die Kinder der Welt.«
Otto: Von Paul Heyse und von »Kinder der Welt« habe ich schon so viel gehört. Herr Meister, ich danke Ihnen für Ihre Güte!
Anna: Kann ich wohl die Gedichte von Schiller verstehen, Herr Meister?
Herr Meister: Nicht alle, mein Fräulein, aber viele. Sehen Sie, hier ist ein wundervolles Gedicht: »Die Bürgschaft.« Das müssen Sie lesen, ich will Ihnen ein wenig davon erzählen.
Alle: Ja, thun Sie das, Herr Meister.
Herr Meister: Syrakus war eine Republik, aber Dionys hatte sich zum König gemacht; darum wollte Damon ihn töten und ging mit einem Dolche in den Palast des Königs. Aber des Königs Männer sahen ihn und brachten ihn gebunden (binden, gebunden) vor den König. Der König sprach: »Du mußt sterben.« »So will ich sterben,« sagte Damon. »Ich mag nicht leben unter einem König, ich mag nicht leben in einer Monarchie. Frei will ich leben und frei sterben. Doch, — ich bitte dich, o König, gieb mir nur drei Tage Zeit zum Leben, daß ich erst für meine Schwester sorgen und ihr einen Gatten (= Mann) geben kann. Ich komme wieder nach drei Tagen. Mein Freund wird dir so lange bleiben.« Der König aber dachte eine Weile, lächelte und sprach: »Drei Tage will ich dir Freiheit geben und Leben, so du den Freund mir bringst. Doch kommst du nicht wieder zur Zeit, dann muß der Freund für dich sterben, — du aber gehst frei.«
Damon kam zum Freunde und sagte ihm alles und fragte ihn dann: »Willst du, o Freund, für mich zum König gehen und bleiben bis ich wieder komme?« Und der Freund sprach kein Wort, umarmte ihn und ging zum Könige. Damon aber ging zur Schwester und sorgte für sie.
Und am dritten Morgen, früh, ging Damon vom Hause der Schwester auf den Weg nach Syrakus. Aber es hatte lange geregnet (es regnet, es regnete, es hat geregnet), und es regnete noch immer, und der Regen wurde stärker und stärker (stark, stärker). So kam Damon an den Strom, aber das Wasser war wild und stark und hatte die Brücke hinweggerissen, und da war auch kein Schiffer, und da war kein Boot, ihn über das Wasser zu bringen. Und auf und ab ging er am Ufer und rief laut nach einem Schiffer. Aber kein Schiffer kam. Da sank (ich sinke, ich sank, ich bin gesunken) er auf die Kniee und rief zu seinem Gott: »O, sende mir Hilfe, sende mir Hilfe, mein Gott! Es ist ja schon Mittag, und wenn die Sonne niedergeht und ich bin nicht in der Stadt, so muß der teure, teure Freund für mich sterben.« Aber Hilfe kam nicht, der Strom ward wilder. Damon denkt an den Freund und springt in den Strom und schwimmt und kommt an das andere Ufer und eilt weiter und dankt Gott und kommt in einen dunklen Wald. Da kamen Räuber auf ihn zu. Er aber tötet (Tod, tötet) drei von ihnen mit einem Schlage. Das sehen die anderen, fürchten sich und rennen fort.
Damon aber kann nicht mehr stehen, er sinkt zur Erde vor Durst, denn die Sonne schien (scheinen, schien) heiß. Und wieder betete er zu Gott: »O, Gott! Du hast mich gerettet aus den Händen der Räuber, du hast mich gerettet aus dem wilden Strome! Soll ich hier nun sterben vor Durst?« Aber da hörte er nahe bei sich Wasser rinnen aus einer Quelle. Er trinkt, er wird frisch und eilt weiter.