Es fliegt ein Vogel in dem Hain,
Und singt und lockt: Man soll' ihn fangen.
Es fliegt ein Vogel in dem Hain,
Aus dem Hain in den Wald, in die Welt hinein,
In die Welt und über die See.
Und könnte wer den Vogel fangen,
Der würde frei von aller Pein,
Von aller Pein und Weh!
Es fliegt der Vogel in dem Hain,
»O, könnt' ich mir den Vogel fangen!«
Es fliegt der Vogel in dem Hain,
Aus dem Hain in den Wald, in die Welt hinein,
In die Welt und über die See.
»O, könnt' ich mir den Vogel fangen,
So würd' ich frei von aller Pein,
Von aller Pein und Weh!«
Der Knabe lief wohl in den Hain,
»Ich will den schönen Vogel fangen.«
Der Vogel flog wohl aus dem Hain,
Aus dem Hain in den Wald, in die Welt hinein,
In die Welt und über die See.
Und hat der Knab' ihn erst gefangen,
So wird er frei von aller Pein,
Von aller Pein und Weh!
Adelbert von Chamisso.
Warnung vor dem Rhein.
An den Rhein, an den Rhein, zieh' nicht an den Rhein,
Mein Sohn, ich rate dir gut!
Da geht dir das Leben zu lieblich ein,
Da blüht dir zu freudig der Mut.
Siehst die Mädchen so frank und die Männer so frei,
Als wär' es ein adlig Geschlecht:
Gleich bist du mit glühender Seele dabei,
So dünkt es dich billig und recht.
Und zu Schiffe, wie grüßen die Burgen so schön,
Und die Stadt mit dem ewigen Dom!
In den Bergen, wie klimmst du zu schwindelnder Höhe
Und blickst hinab in den Strom!
Und im Strome, da tauchet die Nix' aus dem Grund,
Und hast du ihr Lächeln gesehn,
Und grüßt dich die Lurlei mit bleichem Mund,
Mein Sohn, so ist es geschehn.
Dich bezaubert der Laut, dich bethört der Schein,
Entzücken faßt dich und Graun:
Nun singst du immer: Am Rhein, am Rhein,
Und kehrst nicht wieder nach Haus.
Karl Simrock.
Alt Heidelberg, du feine.
Alt Heidelberg, du feine,
Du Stadt an Ehren reich,
Am Neckar und am Rheine
Kein' andre kommt dir gleich.
Stadt fröhlicher Gesellen,
An Weisheit schwer und Wein,
Klar ziehn des Stromes Wellen,
Blauäuglein blicken drein.
Und kommt aus lindem Süden
Der Frühling übers Land,
So webt er dir aus Blüten
Ein schimmernd Brautgewand.
Auch mir stehst du geschrieben
Ins Herz, gleich einer Braut,
Es klingt wie junges Lieben
Dein Name mir so traut.
Und stechen mich die Dornen,
Und wird mir's drauß zu kahl,
Geb' ich dem Roß die Spornen
Und reit' ins Neckarthal.
Jos. Victor Scheffel.