Mit Murphy gleichzeitig zeigte sich in Deutschland die Schweizer Riesin Marie Schubiger aus dem Canton Thurgau. Sie war auch etwas über 7 Fuss rhein. hoch, von seltenem Ebenmass der Körperformen und verfügte über ganz ungewöhnliche Kräfte. Wenn sie sich auch stets unter ihrem Mädchen-Namen zeigte, so war sie doch eine verehelichte Frau Fehr, und ihr Gatte war Obergärtner in den Königl. Gärtnereien in Turin; sie hatte ihn auf ihrer Tournée durch Italien kennen gelernt und sich mit ihm verehelicht.

Gleich Murphy zeigte sie sich stets auf den grossen deutschen Messen, und trafen sie dann, wie das wiederholt vorkam, an solchen Plätzen zufällig zusammen, so zeigten sie sich zwar in verschiedenen Localen, arrangirten aber zum Schluss der Messe dann gewöhnlich in einem der grössten Säle einen sog. »Riesen-Ball«, bei dem sie nicht nur die Tänze anführten, sondern sie auch leiteten — eine Speculation, die ihnen oft enorme Summen eintrug.

Als sie in der letzten Hälfte der fünfziger Jahre auch in Paris zusammentrafen, da interessirte sich Kaiser Napoleon III., der seine Jugendzeit im Schlosse Arenenberg im Canton Thurgau verlebt hatte, so sehr für seine »Schweizer Landsmännin«, dass er ein Ehebündniss zwischen ihr und Murphy zustande bringen wollte, um allmählich ein »Riesen-Geschlecht« heranzubilden, eine Lieblings-Idee, die zu seinem Leidwesen unrealisirbar war, da Marie Schubiger bereits Frau Fehr hiess. — Nur wenige Jahre noch, da sie in den dreissiger Jahren stand, reiste sie und zog sich dann auf ihr am Schweizer Ufer des Bodensees belegenes Gut, das sie fortan selber bewirthschaftete, aus der Oeffentlichkeit zurück.

Im Gegensatze zu den Riesen fiel den Zwergen in der Geschichte eine viel grössere Rolle zu. Wollte man doch schon zur Zeit des Parazelsus Homunculi (Menschlein) auf chemischem Wege herstellen. (Das Verfahren der Herstellung von künstlichen Zwergen aus ursprünglich normal gebauten Kindern stammt aus dem Orient, und der Alkohol bildet einen wichtigen Bestandtheil des Receptes.) Zweifellos ist es erwiesen, dass vornehme Damen alter Zeit auf ihren Höfen Zwerge hielten, ebenso, wie später zur Zeit der Madame Pompadour Mohrenknaben in der Mode waren.

In der Renaissancezeit waren die Zwerge in den verschiedensten Ländern Europas modern, insbesondere aber an den päpstlichen Höfen. Bei einem Banket des Erzbischofs Vitalli im Jahre 1556 bildeten 34 missgestaltete Zwerge die aufwartende Dienerschaft. Ihre goldene Zeit hatten die Zwerge unter dem russischen Czaren Peter dem Grossen. Die Schwester des Czaren, die Grossfürstin Natalie, liebte sie leidenschaftlich und auf ihren Befehl wurden die Zwerge aus der ganzen Welt nach Moskau berufen, und diese leisteten der Einladung auch in überaus grosser Anzahl Folge. In Moskau angelangt, wurden sie ins kaiserliche Palais geführt und dort hatten sie ihre eigene Hofhaltung, schöne Gewänder und volle Verpflegung, sowie goldene Equipagen, die mit je sechs Ponies bespannt waren. Sie heiratheten auch unter sich, und jede Hochzeit war ein vollkommenes Hoffest in Moskau.

Ein glückliches Loos hatte Jeffrey Hudson, oder richtiger »Sir« Jeffrey Hudson, denn König Carl von England verlieh diesem 18 zölligen Männchen den Rang eines Barons. Er war vollendeter Gentleman, höchst kriegerischen, ritterlichen Charakters und duldete nicht, dass man seiner spottete, oder sich gar lustig machte. Einst wurde er von einem Manne Namens Crofts beleidigt, Hudson forderte ihn sofort zum Duell und erschoss ihn.

Nicht so glücklich wie Sir Hudson war John Worrenburgh. Als er schon berühmt war, wollte er von Rotterdam nach England heimkehren. Er logirte in einer Schachtel, ebenso, wie Gulliver bei den Riesen, und diese war der Obhut eines Wärters anvertraut. Letzterer aber, als er im Begriff war, sich einzuschiffen, glitt aus und fiel sammt der Schachtel ins Wasser. Den Wärter zu retten gelang zwar, Worrenburgh aber kam in seiner Schachtel elend ums Leben. —

Die Zwerge sterben in der Regel jung, eine Ausnahme bildete vielleicht der polnische Graf Joseph Borowlaszki, der 1739 als Zwerg geboren wurde und ein Alter von 98 Jahren erreichte. Berühmt war auch Bébé, der Zwerg des polnischen Königs Stanislaus, der aber im Gegensatze zu dem geistreichen Zwerg-Grafen Borowlaszki nur ein Crétin war. — Eine sehr bekannte Zwergenschönheit ward unter dem Namen La Fée Corse in London 1734 gezeigt. Sie wog kaum 26 Pfund und war ausserordentlich schön, nur stand ihre Nase in keinem Verhältniss zu ihrem kleinen Körper. — Wybrand Lolkes, ein holländischer Uhrmacher, der nur 27 Zoll mass, heirathete eines der schönsten Mädchen Rotterdams, welches ihn mit mehreren ganz normal gebauten Kindern beschenkte. —

Wenn wir schon von Zwergen sprechen, so dürfen wir auch den berühmten General Tom Pouce nicht vergessen. Er hiess mit seinem wirklichen Namen Charles S. Stratton und wurde am 11. Januar 1832 in Bridgeport, Connecticut, geboren. Bei seiner Geburt wog er 9 Pfund und war mit 5 Monaten ein hübsch entwickeltes Baby, das dann aber nicht weiter wuchs. Sein Auftreten machte riesige Sensation, und als seine Popularität im Zenith stand (1847), da belief sich sein Jahreseinkommen auf 15,000 Pfd. Sterling. Am 10. Februar 1863 verheirathete Barnum den General mit Lavinia Warren aus Middleboro. Mrs. Stratton war bei ihrer Hochzeit 32 Zoll hoch und wog 29 Pfund, der General dagegen war 35 Zoll hoch und wog 28 Pfund. Aus der Ehe entspross ein wahrhaftes Miniaturkindchen, das aber nur kurze Zeit lebte. Lavinia Warren starb am 23. Juli 1878 im Alter von 29 Jahren, ihr Gatte am 15. Juli 1883 im Alter von 45 Jahren 6 Monaten in Middleboro, Massachusetts.

Dieses kleine Verzeichniss berühmter Riesen und Zwerge älterer und neuerer Zeit kann keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit machen, da namentlich in älterer Zeit wohl der weitaus grösste Theil derjenigen Menschen, die wegen ihrer abnormen Grösse einerseits, wegen ihrer abnormen Kleinheit andererseits Beachtung verdient hätten, mit geringen Ausnahmen nicht in die Oeffentlichkeit traten, sondern vielmehr ein beschauliches Privatleben führten. Sind doch unter den Sehenswürdigkeiten der Frankfurter Messe von 1778 ein Zwergmädchen und ein Riese als eine neue und interessante Schaustellung angeführt. Wahrscheinlich aber ist doch noch interessantes Material in alten Archiven vergraben, das mir durch Zufall einst an das Tageslicht gefördert und durch das dem Historiographen erst in späterer Zeit eine grössere Concentrirung der Materie ermöglicht wird.