Jean de Henau.

Die heutigen Zwerge und Riesen kennt man so ziemlich alle, sorgen doch die Impresarien schon frühzeitig dafür, dass möglichst viel wahr- und unwahrscheinliche Begebenheiten aus ihrem Leben zu Reclamezwecken in die Oeffentlichkeit gelangen. Dagegen sind viele Daten über Riesen und Zwerge aus früheren Zeiten unbekannt, und wenn auch diese gesammelt hier veröffentlicht werden, so geschah das der Vollständigkeit wegen nicht nur, sondern vornehmlich, weil sie interessant genug sind, um auch in weiteren einschlägigen Kreisen bekannt zu werden.

(Der französische Gelehrte Henrion schrieb im Jahre 1718 ein Werk, in welchem er zu beweisen suchte [doch wohl nicht, um sich unsterblich — lächerlich zu machen?], dass Adam 41 Meter 60 Centimeter, und Eva 40 Meter hoch war. Abraham soll 6 Meter 60 Centimeter, Moses 4 Meter 70 Centimeter und Goliath 4 Meter gemessen haben, die damalige Elle zu 58 Centimeter gerechnet.)

Berühmte Riesen alter Zeit waren Walther Passous, der Portier des Königs Jacob I., und Maximilian Müller, der im 55. Lebensjahre noch wuchs. Der Erste war 7 Fuss 6 Zoll, der Zweite 8 Fuss hoch. Sie wurden aber von dem berühmten Patrick O'Brien (Patrick Colter) übertroffen, der 38 Jahre alt, schon 8 Fuss 7 Zoll Höhe erreicht hatte. Von ihm erzählt man sich, dass er seine Pfeife oft an den Strassenlaternen angezündet habe. Er starb im Alter von 47 Jahren. Da er fürchtete, nach seinem Tode secirt zu werden, so vermachte er zwei Fischern 200 Pfd. Sterling, mit dem Auftrage, seinen Leichnam ins Meer zu werfen. Professor William Hunter, der den phänomenalen Körper aber gar zu gerne zu wissenschaftlichen Studien erlangt hätte, versprach den Fischern ebenfalls 200 Pfd., wenn sie ihm den Leichnam dennoch überliessen. Sie warfen denn den entseelten Körper richtig ins Meer, banden ihn aber zuvor an ein langes Seil, das am Ufer befestigt war, an dem der Herr Professor den Leichnam wieder aus dem Meere zog und sich aneignete, als die Fischer sich entfernt hatten.

1897 starb in Bournemouth der chinesische Riese Chang-Yu-Sing, der 1864 zuerst in London auftrat und gleich jedem ins Ausland gehenden Chinesen seinen Sarg überallhin mit sich nahm. Er mass 2 Meter 36 Centimeter, wurde somit von dem Riesen Drasal noch um 4-1/2 Zoll überholt, der 310 Pfd. schwer war und im Alter von 45 Jahren am 17. December 1886 in seinem Heimathsorte Holleschau in Mähren starb.

Ein berühmter Riese war auch der Oesterreicher Franz Winkelmeier, der die Höhe von 8 Fuss 9 Zoll erreicht hatte, aber überaus mager war und am 4. September 1887 im Alter von 24 Jahren in London an der Schwindsucht starb. — Die grösste Riesin, welche je auf Erden gelebt hat, war Marian (Maria Wedde), geboren am 31. Januar 1866 zu Benkendorf bei Halle a. d. Saale, gestorben Anfang 1885 in Paris. Das Riesen-Fräulein hatte das respectable Mass von 2,65 Meter erreicht. — Nicht geringes Aufsehen erregte in den neunziger Jahren der am 12. September 1880 in Gross-Mohnau (Kreis Schweidnitz) geborene Riesenknabe Carl Ullrich, der mit fünfzehn Jahren eine Höhe von 2,5 Meter erreicht hatte, dann aber im Wachsthum stehen blieb. Seit jener Zeit zeigten sich aber bei ihm Krankheits-Symptome, anfangs nur in Form leicht und schnell vorübergehenden Unwohlseins, das im Laufe der Zeit jedoch so bedenkliche Dimensionen annahm, dass er von Russland aus zur Erholung zu seinen Eltern nach Gross-Mohnau zurückreiste. Die Krankheit nahm aber einen so ernsten Charakter an, dass seine Eltern ihn auf Anrathen der Aerzte dem Krankenhause der barmherzigen Brüder in Breslau zur Pflege übergaben, bei denen er 1897, 17 Jahre alt, an der Zuckerkrankheit starb. Die Dimensionen seines Körpers waren so ungeheuerlich, dass z. B. seine Füsse genau gemessen 42 Centimeter lang waren und dass durch seinen Ring, den er am Mittelfinger der rechten Hand trug und der nur gerade passend war, bequem ein Thaler hindurch ging. In seinem wissenschaftlichen Gutachten über ihn sagt Prof. Virchow u. A.: »Da alle Organe bei ihm fehlerlos functioniren, so wird Carl Ullrich, wenn er ausgewachsen ist, alle bisherigen Riesen an Grösse und Schönheit übertreffen.« —

Nun noch um ein paar Decennien zurückblickend, war in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts die »ausgezeichnete Riesendame« (so nannte sie sich) Elise Schmidt wohl die einzige Riesin, die sich öffentlich sehen liess. Sie war über 7 Fuss rhein. hoch, aber von unbeschreiblicher Magerkeit. Als die Spuren des Alters sich wegen ihrer Derbheit nicht mehr aus dem Gesichte wegretouchiren lassen wollten, da zeigte sie sich (Ende der vierziger Jahre) in Gesellschaft einer recht hübschen und zahlreichen Sammlung von — Schlangen und Krokodilen, wahrscheinlich, damit durch diese die Aufmerksamkeit der Zuschauer in etwas von ihrer eigenen Person abgelenkt werden sollte. Einer ihrer älteren Brüder, ebenfalls ein Riese, der frühzeitig starb, war Flügelmann beim ersten Garde-Regiment in Potsdam, somit der grösste Mann der ganzen preussischen Armee. Sein Skelet, das 7 Fuss 3 Zoll rhein. hoch ist, ist im anatomischen Museum in der Universität in Berlin aufgestellt.

In der Mitte der fünfziger Jahre war es der Riese Mr. Murphy, der das allgemeine Interesse durch seine Hünengestalt auf sich zog. Er war 8 Fuss 2 Zoll rhein. hoch, aber von durchaus proportionirten Körperformen, so dass seine Grösse im gewöhnlichen Leben gar nicht so sehr zur Geltung kam, sondern erst dann, wenn nach allgemeinen Begriffen grosse Männer zum Vergleiche neben ihm standen. Das Interesse für ihn war so gross, dass in Frankfurt a. M. z. B. seine Höhe an den Thürrahmen der Säle der Hotels und Restaurants als Wahrzeichen angemerkt war, in denen er sich während der Herbstmesse 1856 gezeigt hatte.