Der kleine Weltbürger wurde mit der grössten Aufopferung gepflegt, so wie im Laufe der Jahre der Körper sich entwickelte, so nahmen auch die geistigen Fähigkeiten einen guten Fortgang, und mit dem zehnten Lebensjahre brachte man den »kleinen« Nicolai nach Troizk in die Kreisschule, wo ein menschenfreundlicher Pfarrer seine Ausbildung übernahm.
Das war jedoch eine schwierige Sache, da, wenn Nicolai auch über einen regen Verstand verfügte, infolge des Fehlens der Arme und Hände das Erlernen des Schreibens etc. schlechterdings als unmöglich erschien. Da kam der Geistliche endlich auf die Idee, ob sich die fehlende Hand nicht durch gemeinsame Anwendung des Armstumpfes und der Wange ersetzen liesse, und als schon der erste Versuch günstige Resultate versprach, da wurden die Exercitien mit solchem Feuereifer betrieben, dass neben dem Schreiben auch Versuche im Essen mit Löffel, Messer und Gabel, überhaupt in allen Arbeiten gemacht wurden, die von normalen Menschen mit den Händen ausgeführt werden, die denn auch vollständig glückten. So hat sich denn Kobelkoff im Laufe der Zeit eine Schrift angeeignet, um die ihn, wie Hofrath Professor Weinlechner sich in einem Gutachten ausdrückt, Mancher mit normal gebildeten Händen beneiden dürfte; die Wange dient beim Schreiben nämlich als Daumen und der Armstumpf als Zeigefinger.
(Schrift Kobelkoff's).
Fünf Jahre lang stand er unter der Obhut des Priesters, der zugleich sein Religionslehrer war, als der Menageriebesitzer Berg in den Ort kam, von dem phänomenalen Knaben hörte und ihn für die Reise engagirte, die denn auch am 12. Mai 1872 angetreten wurde. In Petersburg wurde er dem Publicum überhaupt zum ersten Male vorgestellt; dann wurde ein Engagement in Berlin und dann ein solches in Wien absolvirt, wo er dem Publicum im Jahre 1875 zum ersten Male gezeigt wurde. Hier lernte er auch seine Frau kennen, und als die Hochzeit im Jahre 1876 in Budapest stattgefunden hatte, da begann ein echtes Nomadenleben, indem das Ehepaar von Land zu Land, von Stadt zu Stadt zog. So kam es auf seinen Wanderungen nach Deutschland, Frankreich, England, Spanien etc., überall das grösste Aufsehen erregend, das seinen Gipfelpunkt jedoch in der Bewunderung fand, die die grössten Gelehrten aller Länder den geistigen und körperlichen Fähigkeiten trotz der abnormen Körperbildung zollten.
Kobelkoff ist ein Temperenzler und nimmt keine geistigen Getränke zu sich; er lebt nur von Milch, Thee und Fleisch, die er täglich mit grösster Regelmässigkeit dreimal zu sich nimmt, wie denn sein ganzes Leben gleichmässig, wie durch ein Uhrwerk regulirt, verläuft. Seine Ruhestätte ist ein kleines, einer Wiege ähnliches Bett, das sich etwa vierzig Centimeter über dem Fussboden erhebt, und in das er sich ohne jede Beihülfe hineinlegt und es auch wieder verlässt. Seine stete Begleiterin ist seine — Privat-Equipage, ein dreirädriger Kinderwagen, der mittels vier Handgriffen in die Bahnwaggons verladen wird und der vorne durch Vorhänge verschlossen ist, um dem Publicum während der Reise den Einblick zu verwehren.
Von sämmtlichen Ausstellungen Frankreichs und Italiens, auf denen Kobelkoff sich producirte, besitzt er die ersten Preis-Medaillen für seine Leistungen, und am 26. April 1899 ward ihm die hohe Ehre zu theil, sich auch vor Sr. Kaiserl. Königl. Hoheit dem Erzherzog Ludwig Victor, Bruder Sr. Maj. des Kaisers Franz Joseph I., produciren zu dürfen. —
Ein ähnliches Genre wie Unthan cultivirt der sympathische Südfranzose Jean de Henau, der besonders als Schnellmaler und Mandolinen-Virtuose Hervorragendes leistet und eine gesuchte Attraction der modernen Variétébühnen ist. (Abbildung umstehend.)
Neben den Fuss- und Rumpfkünstlern dürfen auch die Zwerge als Abnormitäten (nur solche sind sowohl die Zwerge als auch die Riesen, nicht aber Missgeburten im eigentlichen Sinne des Wortes, wie die Fuss- und Rumpfkünstler, da sie in der Regel als normale Körper zur Welt kamen und nicht ersichtlich war, dass sie später in ihrer Körperentwicklung zurückbleiben oder sie überschreiten würden — diese abnormen Erscheinungen traten meist erst mehrere Jahre nach der Geburt zu Tage) unsere Aufmerksamkeit beanspruchen, da man sie jetzt meistens als Miniatur-Artisten zu sehen und zu hören bekommt, sie also keine exclusiven Schauobjecte mehr, wie früher, sind, sondern sich jetzt enger an das Gebiet der Artistik anlehnen. Eine allzugrosse Seltenheit bilden sie heutzutage gerade nicht mehr, und man konnte namentlich in den letzten Decennien des neunzehnten Jahrhunderts eine Vermehrung dieser im Wachsthum zurückgebliebenen Menschen constatiren, während die im Wachsthum wieder zu stark vorgeschrittenen Riesen im Aussterben begriffen zu sein scheinen, da sie immer mehr von der Bildfläche verschwinden.