Es kann nicht wundernehmen, dass sich mit diesem Manne die medicinische Wissenschaft eingehend beschäftigt hat. Autoritäten wie Virchow und Professor Hamy-Paris haben ihn eingehend untersucht und nur constatiren können, dass Unthan vollständig normale Fuss- und Beinbildung aufweist. Ja, Virchow hat sogar die Frage nicht ohne weiteres von der Hand gewiesen, ob die Bewegungsfähigkeit der unteren Extremitäten und ihrer Theile, sowie ihre starke Entwickelung, wie sie bei Unthan vorhanden, nicht eigentlich das Natürliche für das Menschengeschlecht gewesen und nur einer Regeneration gewichen sei. Der Künstler sagt von sich selbst, dass er ein gesundes, sanguinisches Temperament besitze und sich stets eines ausgezeichneten Appetits erfreue. Das Gedächtniss werde dadurch, dass er nicht stets »mit dem Bleistift in der Hand« dastehen könne, um Alles zu notiren, auch gestärkt, und um dem Oberkörper genügende Bewegung zu verschaffen, pflege er eben das Schwimmen. Hierin soll er ganz Hervorragendes leisten. Erwähnt sei noch, dass Herr Unthan auf seinen vielen Reisen sich eifrig mit Sprachstudien beschäftigte, so dass er jetzt sieben verschiedene Sprachen beherrscht.
Aus eigenster Kraft hat sich dieser seltene Künstler zu seiner jetzigen Bedeutung emporgerungen, und ständig arbeitet er an der Vervollkommnung seines Könnens weiter.
Er ist, wie er selbst sagt, einer von denen, die nie ohne Arbeit sein können. Hoffentlich ist dem strebenden, fast jugendlich elastischen Künstler noch eine lange ehrenvolle Laufbahn und ein behagliches Privatleben an der Seite seiner Gattin, mit der er seit sechszehn Jahres in glücklicher Ehe lebt, beschieden.
Als gleichwerthiges Pendant muss auch der Rumpfkünstler Kobelkoff registrirt werden, den die Natur noch stiefmütterlicher bedacht hat, wie seinen berühmten Zeitgenossen Unthan, da er nur der Rumpf eines menschlichen Körpers ist, dem alle vier Extremitäten fehlen, wahrend Unthan doch wenigstens über die beiden unteren verfügen kann.
Kobelkoff ist ein so seltenes Phänomen, dass kein anatomisches Museum auch nur annähernd ein solches als corpus delicti aufzuweisen hat, und in den berühmten Werken von Buffon, Humboldt, St. Hilaire etc. sind auch nicht die kleinsten Andeutungen, die auf ein ähnliches Vorkommen in früheren Zeiten schliessen lassen, enthalten.
Er erregt die Theilnahme aller Derer, die ihn sehen, zuerst im höchsten Grade, dies Mitleid wird aber sehr schnell durch seine Lebhaftigkeit und durch die staunenswerthe Weise abgeschwächt, mit der er sich auch ohne die nach allgemeinen Begriffen unentbehrlichen Gliedmassen zu behelfen weiss, denn er schreibt mit grosser Fertigkeit, isst mit Löffel und Gabel, zeichnet und malt, verrichtet überhaupt Alles, was Andere, von der Natur Bevorzugtere mit den Armen event. auch Beinen verrichten, mit der grössten Gewandtheit ohne dieselben.
Seine stets heitere Laune, seine geselligen Manieren etc. führen bald zu der Erkenntniss, dass er sich nicht unglücklich fühlen kann, um so weniger, als er eine Lebensgefährtin fand und Vaterfreuden ihn an das Dasein fesseln. In den vierundzwanzig Jahren der Ehe, die bis jetzt (1899) verflossen, sind derselben elf Kinder entsprossen, von denen noch fünf wohlgebaute Knaben und ein Mädchen am Leben sind.
Nicolai Wasilowitsch Kobelkoff ist in Wossnesensk bei Troizk im Gouvernement Orenburg, einer kleinen, freundlichen Stadt im asiatischen Russland, am 22. Juli 1851 geboren und zwar ohne Arme und Beine. Sein Vater war Angestellter in dem in der Umgegend befindlichen kaiserlichen Goldbergwerke. Da die Schwangerschaft ohne jegliche Störung der normalen Verhältnisse und des physischen Wohlbefindens der Mutter verlief, so war die Ueberraschung um so grösser, als bei der Geburt nur ein Rumpf ohne jegliche Gliedmassen zur Welt kam, der jedoch durch ganz energisches Schreien das Vorhandensein einer gesunden Lunge documentirte.