(Verdeutscht: Thomas Schweicker aus Hall, den die Natur der Arme beraubte, schrieb dies mit seinen Füssen im Jahre 1570 im Monat December.) Das Original des Briefes, auf dessen Rückseite die Worte standen: »Gott giebt nicht Alles Allen«, befand sich noch hundert Jahre später in der Kanzlei zu Prag.

Anlass zu diesem Brief gab wohl die Anwesenheit des Kaisers Maximilians in Hall bei der Reise zu einem in Speier stattfindenden Reichstage, bei der er auch auf Schweicker und seine eminente geistige und körperliche Begabung aufmerksam gemacht wurde.

Gleichzeitig suchten auch Friedrich III. von der Pfalz und August von Sachsen den weitberühmten Wundermann auf, während ihn Ludwig von der Pfalz 1584 nach Heidelberg entbieten liess.

Nach einem also wechselvollen und inhaltsreichen Leben ist dann Thomas Schweicker am Donnerstag, den 7. October 1602, Morgens zwischen sechs und sieben Uhr, verschieden, nachdem ihn am 4. October eine anscheinend leichte Erkrankung auf das Lager geworfen hatte. Am 8. October wurde er — eine besondere Vergünstigung — unter dem Chor der Hauptkirche St. Michael beigesetzt. Seine Leichenrede, die im folgenden Jahre zu Frankfurt a. M. gedruckt wurde, hielt der Prediger Johannes Weidner über den 39. Psalm. Dieselbe enthält noch weitere interessante Mittheilungen über den Verblichenen. Hier sei nur noch der Schluss mitgetheilt, der zugleich Schweickers Grabschrift bildete (den Grabstein hatte er sich selber angefertigt und nur die Grabschrift wurde nachgefügt) und also lautete:

»Im Jahre 1602, den 7. Tag Octob., seines Alters 61. Jar, starb Thomas Schweicker, Bürger allhier zu Schwäbischen Hall am Cöcher, welcher ohne Arm und Händ, also von Mutterleib in diese Welt gebohren, und hat gantz zierlich und kunstreich seine Grabschrifft, welche von den Edlen, Vesten Herrn Consulibus und gantzem E. Rath der Statt in dem Haupttempel daselbst zu S. Michael, durch die Befreunden im Chor zu stellen, günstig approbiret, vor seinem Ende mit seinen Füssen geschrieben, den 29. Jun. An. 1592. Seines Alters im 51. Jahr, der Allmächtige GOtt wolle ihme und allen Ausserwehlten hie seinen Frieden, und dorten ein ewiges Leben mit einer fröhlichen Auferstehung gnädiglich verleihen. AMEN.« —

Unter den wenigen Fusskünstlerinnen, die sich im neunzehnten Jahrhundert öffentlich producirten, war es namentlich eine Elise Ebbinghaus, die durch ihre kunstvollen Perlen- etc. Stickereien, die sie mit den Füssen und dem Munde zugleich ausführte, die Aufmerksamkeit der Damenwelt auf sich zog. Ebenso schrieb sie sehr geläufig und schön, sowohl mit dem Munde als auch mit den Füssen. —

Nun zu den noch lebenden Fusskünstlern. Schon seit vielen Jahren besitzt der erste unter ihnen, Herr C. H. Unthan, einen Weltruf, und so kann es für die Leser nur von Interesse sein, über diesen Künstler Näheres zu erfahren. In einem Interview gab uns Herr Unthan in der liebenswürdigsten Weise Auskunft über seine Entwickelung und Lebensschicksale und zugleich die erwünschte Gelegenheit, uns auch im näheren Umgange davon zu überzeugen, dass das Fehlen der Arme ihn nicht gehindert hat, in seinen Lebensgewohnheiten es dem normal entwickelten Menschen gleichzuthun und sich ausserdem durch eiserne Willenskraft ein so reiches Maass von Kenntnissen und Fertigkeiten anzueignen, dass er ein vollwerthiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft und ein überaus interessanter Gesellschafter wurde.

Unthan ist am 5. April 1850 in Königsberg geboren. Statt der Arme hat er nur zwei etwa handlange stummelartige Ansätze mit je einem Finger. Zu irgend welcher Thätigkeit ist keiner derselben zu gebrauchen, der linke ist durch einen Schrotschuss, den Unthan sich mit 13-1/2 Jahren aus Versehen beibrachte, auch noch jeder Bewegungsfähigkeit beraubt. Als Unthan etwa 9 Monate alt war, begann er, nur auf seine Füsse angewiesen, instinctiv sich dieser so zu bedienen wie andere Kinder ihrer Hände, und mit dem vollendeten zweiten Jahre konnte der Knabe vollständig allein essen und trinken. Mit 4 Jahren begann er aus Neugierde und Nachahmungsbedürfniss Schreibversuche mit den Füssen zu machen; und heute schreibt Herr Unthan eine ausgeschriebene, kräftige und gewandte »Fussschrift«. Sein Vater, der Schullehrer war, bestimmte ihn zunächst für einen gelehrten Beruf, und so besuchte der Knabe bis Obersecunda das Gymnasium, wo er sich in den Kämpfen zwischen Gymnasiasten und Realschülern als gefürchteter Kämpfer d. h. Treter hervorthat. Er hatte damals, wie er lachend erzählte, eine besondere Vorliebe für Schienbeine. Mit 16 Jahren besuchte Unthan dann das Conservatorium zu Leipzig, um dort seiner leidenschaftlichen Vorliebe für Violinspiel, das er seit seinem 10. Jahre immer und immer wieder probirt hatte, nachzugehen. Sein Lehrer war dort Ferdinand David. Nachdem Unthan diese Studien hinter sich hatte, begann er in Concerten und Theatern aufzutreten, zunächst aber nur als Violinspieler. Von 1869 an führten ihn seine Kunstreisen nach Frankreich, England und nach einem Ruhejahr in Ostpreussen nach Nord- und Südamerika. Mexiko bereiste er als ausgezeichneter Reiter ganz zu Pferde, und auf einem Maulthiere unternahm er selbst einen Zug über die Cordilleren. Von 1876 ab nahm Unthan dann auch andere Nummern, die er im Laufe der Jahre erlernt hatte, in sein Programm auf. Alle Verrichtungen, die ein gewöhnlicher Sterblicher mit seinen Händen und Armen ausführt, versieht Unthan mit seinen Füssen. Er wäscht, kämmt, rasirt sich, schneidet sich sein Brot ab und macht es zurecht, und zwar Alles nur mit normalem Zeitaufwand. Er reitet, fährt, schwimmt und taucht ausgezeichnet und führt seine Correspondenz selbstständig.