Da erschien aber der New Yorker Museumsbesitzer Prof. E. M. Worth auf der Bildfläche und engagirte den — oder die — Knaben für eine einjährige Tournée durch die Vereinigten Staaten. Der Manager erhielt eine wöchentliche Gage von 750 Pfd. Sterl. und den kostenfreien Verkauf der Photographieen. Davon zahlte er an die Eltern wöchentlich 200 Pfd. Sterl. und bestritt sämmtliche Kosten für sie und die Kinder. Nach etwa fünfjähriger Ausstellung hatten sie sich ein so bedeutendes Vermögen erspart, dass sie sammt dem Zwillingspaare in ihre Heimath zurückkehrten; dort lebt es in einer kleinen hübschen Villa in der Nähe Venedigs und würde sich um keinen Preis zu einer nochmaligen öffentlichen Ausstellung entschliessen.
Es berührt Jedermann ganz eigenartig, wenn man sich die beiden Köpfe in italienischer, deutscher, französischer oder englischer Sprache unterhalten hört, als wären es zwei vollständig getrennte Personen und unwillkürlich blickt man nieder, um den Unterkörper der zweiten Person zu suchen. Ebenso frappirte es, wenn sich im Kindesalter die beiden Oberkörper zankten oder gar, was nicht selten vorkam, durch gegenseitige Püffe ihre Meinungsverschiedenheiten ins Gleichgewicht zu bringen versuchten. Und doch konnte Niemand zwischen sie treten, um sie »auseinander zu bringen«.
Die jetzt etwa zweiundzwanzigjährigen Jünglinge können zwar ohne Beihülfe aufrecht stehen, müssen jedoch beim Gehen unterstützt werden. Sie erfreuen sich der besten Gesundheit und können nach Aussagen der Aerzte ein hohes Alter erreichen.
Jo-Jo
der Mann mit dem Hunde-Gesicht
ist zwar eine grosse Abnormität, jedoch nicht die einzige dieses Genres. Jo-Jo ist etwa dreissig Jahre alt, von mittlerer Grösse und kräftig gebaut. Er stammt aus Russland und soll dort vor etwa zwanzig Jahren im Verein mit seinem Vater in den Sibirischen Urwäldern »gefunden« sein. Das ist natürlich gerade so, wie auch die »berühmte« Erzählung über Kra-o, Darwin's fehlendes Glied zwischen Affen und Menschen, erfunden. Die Professoren Virchow und Bartels haben über Kra-o und den sog. »wilden Menschen« einen hochinteressanten Artikel in der »Gartenlaube«, Jahrgang 1888, Heft 28, herausgegeben, aus dem wir ersehen, dass der abnorme Haarwuchs seinen Grund in einer Hautkrankheit hat.
Jo-Jo ist geistig sehr beschränkt, fast Idiot, und hat nicht die geringste Schulbildung genossen. Vor etwa dreizehn Jahren wurde er von einem Impresario nach Amerika gebracht und dort in den Museen etc. als »Mann mit dem Hunde-Gesicht« gezeigt. Der Erfolg war, a conto der entrirten Reclame, ein ganz horrender, und der Impresario schlug ein Vermögen aus Jo-Jo, dessen Gage während einiger Jahre bis zu 500 Dollars (etwa 2200 Mark) pro Woche hochgeschraubt wurde. Da er aber bereits sowohl in ganz Amerika als auch in ganz Europa und Australien ausgestellt worden ist, so hat er keine grosse Anziehungskraft mehr und muss oft die gegen früher sehr geringe Gage von 190-200 Mark per Woche acceptiren, da sein Impresario, der ein leidenschaftlicher Hazardspieler ist, nicht einen Dollar erspart hat und auf Jo-Jo's wöchentlichen Verdienst angewiesen ist.
Seit etwa sechs Jahren befindet sich Jo-Jo wieder in Amerika und wird es auch wohl nicht nochmals verlassen, da der Humbug mit »wilden Menschen« etc. in Europa nicht mehr zieht, es somit auch für ihn unmöglich ist, diesseits des Oceans noch Engagement zu erhalten.