Trotz seiner wahrhaft abschreckenden Hässlichkeit hat das Bärenweib doch einen recht netten Ehemann, einen nordamerikanischen Mulatten Namens Howard Vanse, gefunden und im October 1896 einem hübschen Knaben das Leben geschenkt, der jedoch im August 1897 wieder starb.

Die bereits bejahrte Mutter des Bärenweibes reist jetzt als die einzige ihres Genres immer noch in Amerika, da aber ihre »Blüthenzeit« vorüber ist, so bezieht sie nur ganz geringe Gagen, während Mr. Howard Vanse als Ehegatte und Impresario mit seiner Frau den »intelligenten« Europäern auch ferner noch einen Bären resp. eine »Bärin aufbindet«.

Mr. Rannie

der Mann mit der eisernen Haut

ist ein echter Singhalese aus Ceylon, der wegen seiner Unempfindlichkeit obiges Epitheton mit Recht verdient. Er wurde am 3. Juli 1866 auf Ceylon geboren und war als 17. Kind erst der 4. Junge. Mit dem deutschen Circus Anna Willison kam er im Alter von 10 Jahren nach Europa und ist seitdem in den meisten Grossstädten, theils im Variété, theils im Panopticum, ebenso auch vor dem König Albert von Sachsen und vielen anderen Fürstlichkeiten aufgetreten.

Rannie tritt in einem farbenbunten, orientalischen Costüm auf, das die Beine von den Knieen abwärts und die Arme freilässt; seine Unempfindlichkeit zeigt er nun auf mannigfache Weise. Zunächst besteigt er — die Augen verbunden und auf dem Kopfe eine Lampe balancirend — eine Doppelleiter, deren Sprossen auf der einen Seite aus ziemlich scharf geschliffenen Säbeln, auf der anderen aus breiten Messerklingen hergestellt sind. Langsam steigt er über die schmalen Sprossen hinauf und herunter, indem er vorsichtig die nackte Sohle der Länge nach auf die Sprossen mehr schiebt als setzt. Dann kommt eine Production auf einem grossen, dicht mit starken Nägeln bespickten Brette; er stützt sich, das Kreuz hohl gemacht, mit Händen und Füssen auf das spitzige Lager, lässt ein Brett auf sich legen und dieses mit vier Männern belasten. Dann springt er von einem Tische durch einen Reifen, an dessen innerer Peripherie kurze Säbelklingen angebracht sind, auf das mit Nägeln beschlagene Brett. Hierauf wird eine grosse Trommel, die innen dicht mit Nägeln besetzt ist, herbeigerollt, Rannie kauert sich hinein und lässt sich einige Male in der Trommel umherrollen. Den Schluss bildet eine Production, während welcher Rannie auf einer mit Nägeln besteckten Walze steht und diese mit den Füssen ins Rollen bringt, wobei er wieder eine Lampe auf dem Kopfe balancirt. Auf Verlangen biegt er auch mit Kopf oder Zähnen dicke eiserne Stangen, lässt einen 20 Zoll dicken viereckigen Stein mit wuchtigen Hammerschlägen auf seinem Kopf zertrümmern, oder schlägt mit der blossen Hand einen grossen Nagel durch ein mehrere Zoll dickes Brett, so dass derselbe auf der anderen Seite sichtbar wird.

Rannie wurde erst vor wenigen Jahren von bekannten Wiener Aerzten, die seinen Productionen beigewohnt, untersucht, so vom Director des allgemeinen Krankenhauses Hofrath von Böhm, von den Professoren Benedikt, von Mosetig, R. von Hofmann, den Docenten Habrda und Lihotzky, den Herren Dr. Spiegler, Dr. Allina, Dr. Glas, Dr. Bäder u. s. w. Die Professoren Benedikt und von Mosetig sprachen sich gegen die Annahme der Unverwundbarkeit der Haut, welcher eine anatomische Abnormität zu Grunde liegen müsste, aus, gaben aber selbst zu, dass der Singhalese sich eine ganz ausserordentliche Fähigkeit im Ertragen von Schmerzen angeeignet habe, welche durch Behandlung der Haut, lange Uebung und vielleicht auch durch die Raceneigenthümlichkeit begünstigt werde. Prof. Benedikt in Wien hat an Rannie sehr eingehende Versuche mit dem Moskowski'schen Anästhesir-Meter angestellt, der Singhalese zeigte jedoch selbst auf der Stirne, an den Schläfen, ja sogar auf der Zunge eine absolute Unempfindlichkeit gegen die Stiche des feinen Instruments.

Wenn es nun auch bekannt ist, dass gewisse Völker und unter ihnen wieder einzelne Individuen eine wesentlich geminderte Schmerzempfindung haben, so bleibt doch die Unverletzlichkeit Rannie's, selbst wenn wir mit Prof. v. Mosetig und Benedikt von einer anatomischen Abnormität abstrahiren, ein hochinteressantes Beispiel von Anästhesie, erzielt durch eine ganz ausserordentliche Uebung und Willensstärke.