Nach dem alten Berichte gingen dem Knaben sämmtliche Stücke wohl von statten, »also dass es der Mühe werth war, sie zu sehen«. Dem Berichte war ein Autogramm des Knaben folgenden Inhaltes beigegeben: »Joseph Clemens Chur-Fürst unsere Antonius Maria Reuter ist mein Name«; derselbe war deutlich in Kanzleischrift abgefasst und zwar auf vorgezogenen Linien.

Ueber Reuters persönliche Verhältnisse ist nach seinen eigenen Angaben hinzuzufügen, dass der Kurfürst von Cöln sein Taufpathe war, und ihn bis zu seinem (des Kurfürsten) Tode unterhielt. Nun aber mussten Vater und Sohn als arme Vaganten sich ihr Brot suchen; indessen hatten sie auf dem Wege von Cöln bis Nymwegen schon so viel eingenommen, dass sie nicht nur satt zu essen hatten, sondern auch ihren arg heruntergekommenen Kleiderbestand ersetzen konnten. —

Im October des folgenden Jahres 1726 berichtete Professor Schultze aus Altdorf: »Allhier befindet sich jetzt ein Mann aus Württemberg, der eine vierundeinhalbjährige Tochter zeigt, die übrigens schön und von lebhaftem Gesichte ist, von der Natur aber statt der Arme zwei ungebildete und unvollkommene Glieder hat. Diesen Mangel der Arme und brauchbaren Hände weiss das Kind mit seinen Füssen sehr geschicklich zu compensiren. Es nimmt z. B. einen Faden zwischen den grossen und anderen Zehen und mit dem andern Fusse eine Nähnadel und bringt den Faden ganz behende durchs Nadelöhr, thut auch manchmal einige Stiche durch ein Tuch, so geschickt als man von diesem Alter verlangen kann; es isst mit den Füssen so schön und vorsichtig, als ein anderes Kind mit den Händen; nimmt einen Kamm und steckt damit die Haare zurück; setzt ein Glas auf den Kopf, trinkt ein Schälchen Thee, isst eine Suppe mit dem Löffel ohne sich zu begiessen, und all' dergleichen ohne ersichtliche Anstrengung«. In der That für eine noch nicht fünfjährige Fusskünstlerin ganz hervorragende Leistungen. —

Im sechszehnten Jahrhundert — 1576 oder 1576 — sah man ein Mädchen ohne Arme, das mit den Füssen strickte, nähte, Federn schnitt und speiste; doch ist ihr Name und ihre Heimath uns nicht überliefert — 1596 producirte sich eine Fusskünstlerin Namens Magdalene Einohre, gebürtig aus dem ostfriesischen Dorfe Engerhave, gleichfalls armlos, mit einem vierzehigen Fusse, mit dem sie ihre Künste, als Essen, Trinken, Spielen etc., die sie für Geld sehen liess, verrichtete. (Ihr Bild wurde 1616 in Prag in Kupfer gestochen.) — 1627 befand sich zu Siena ein armloses Mädchen, das Aehnliches mit den Füssen verrichtete. —

Am ausführlichsten sind aus dieser Zeit die Nachrichten über eine ohne Arme im Jahre 1612 in Stockholm geborene Schwedin Namens Magdalena Rudolphs Thuinbui, deren Name übrigens in den verschiedenen Quellen auch in verschiedenen Formen überliefert ist. (Vergl. u. a. Harsdörfer, Specul. Hist., p. 399; J. L. Güthe, Beschreibung der Stadt Meiningen, S. 280.) Sie zeigte sich in den fünfziger Jahren in Deutschland und verrichtete dort folgende Stücke mit den Füssen: Sie schloss ihren Nähkasten auf, nahm Zwirn und Nadel heraus, fädelte ein und nähte. Sie strickte, stickte, wirkte, kämmte sich, schnitt mit Messer und Scheere, gebrauchte die Füsse beim Essen, schenkte sich mit denselben ein, trank, schneuzte sich, spielte Karten, würfelte, lud eine Pistole, schoss sie ab, wickelte ihr Kind und gab ihm Nahrung. Sie führte einen Kupferstich bei sich, auf dem sie, umgeben von den Zeugnissen ihrer Kunstfertigkeiten, abgebildet war; darunter stand ihr Name und Alter und die Verse:

»Dieweil ich denn, dass Gott erbarm,
Hab' weder Hand, Finger noch Arm,
Und mich also behelfen muss,
Mach' doch dies Alles mit meinem Fuss.«

Später, im Jahre 1679 (September), sah man eine Jungfrau aus Paderborn, die, der Hände und Füsse gänzlich beraubt, mit den Armstumpfen nähen, wirken, spinnen, schreiben und noch andere Dinge verrichten konnte. —

Doch kehren wir zu den männlichen Rumpfkünstlern zurück und betrachten wir hier zunächst deren zwei aus dem neunzehnten Jahrhundert, um dann noch einen Rückblick in das siebzehnte zu werfen.

Der eine dieser weniger bekannten Fusskünstler ist Anton Pohl aus Böhmen, der — ohne Arme geboren — 1803 in Deutschland reiste; er speiste und trank, er stopfte die Pfeife und zündete sie an, alles mit den Füssen; dazu wusste er sehr geschickt mit dem Bohrer umzugehen, blies die Trompete, lud Pistolen, schoss sie ab und machte die verschiedensten Kartenpiècen.