Der Andere war der im Jahre 1786 zu Markt Rentweinsdorf ohne Arme geborene Schuhmacherssohn Georg Michael Weidmann; von seinen Beinen war nur das rechte normal entwickelt, das linke indessen verkrüppelt zu einem ganz kurzen Stumpf mit einem unansehnlichen Fuss, an dem nur die drei ersten Zehen regelmässig, die zwei letzten aber zusammengewachsen waren. Dessenungeachtet war die mechanische Fertigkeit seiner Füsse, die er sich durch andauernde Uebung erworben hatte, bewundernswerth. Als er im zweiten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts in Deutschland reiste, konnte er mit den Füssen, die er an Stelle der Hände gebrauchen musste, sehr gut schreiben, wozu er sich die Federn selbst schnitt; nähen, wozu er sich selbst einfädelte; sich rasiren, eine Pistole laden und losschiessen (ein, wie man sieht, bei den Rumpfkünstlern sehr beliebtes Stück), kleine Arbeiten von Holz verfertigen, kurz, mit seinen beiden Füssen fast Alles thun, was andere Menschen mit den Händen vollbringen.

Werfen wir nunmehr auch hier unseren Blick rückwärts in das siebzehnte Jahrhundert, so erzählt uns Johnston von einem Mann ohne Arme, der mit den Füssen ass, trank, Karten spielte, — stahl —, und endlich gar Strassenräuberei trieb, wofür er in Frankreich seinen Lohn fand. — Wir hören da weiter andeutungsweise von einem venetianischen Knaben, der Alles mit den Füssen von der Erde aufheben, der mit den Füssen den Hut abnehmen und so die Vorübergehenden grüssen konnte. (Bartholin. C. II. hist. 44.)

Aus dem Jahre 1624 hören wir von einem gewissen Peter von Lucern, der mit den Füssen auf musikalischen Instrumenten spielte. (Add. Zach. qu. med. legal. lib. VII. tit. 3 quaest. VI. § 9.) — 1628 zog im Monat August ein Schweizer in Deutschland herum Namens Peter Stadelmann, »von langer Figur, braun von Angesicht, mit schwarzen, krausen Haaren und Bart, hatte ganz kleine Arme und verrichtete alle seine Sachen mit den Füssen«. Er spielte, zahlte Geld, machte Knoten, löste sie wieder auf, schrieb auch mit den Füssen und dergl. mehr. —

1629 wurde zu Wien ein Fusskünstler geboren, Theodor Steib, der mit den Füssen Blumen anschnitt, zeichnete, in Holz schnitzte, Pistolen losschoss und sich selbst portraitirte (in einem rothen Kleide und mit einer schwarzen Feder auf dem Hute), mit der Unterschrift: »Hanc effigiem proprio meo pede prinxi. Vratislaviae d. 10. IV. ann. 1654. Theodorus Steib, Natione Vienna. (Dies Bild habe ich eigenfüssig gemalt. Breslau, d. 10. April 1654. Theodor Steib aus Wien.) Seine sonstigen Schreibproducte pflegte er also zu unterzeichnen: »Ego Theodorus Steib Vienna Austriacus, absque manibus et bracchiis natus, scribebam ista pede meo Vratislaviae, Anno Christi 1654, aet meae 25«. (Ich Theodor Steib aus Wien in Oesterreich schrieb dies, ohne Hände und Arme zur Welt gekommen, mit meinem Fusse zu Breslau im Jahre Christi 1654, meines Alters 25 Jahre.) Ortsname, Datum und Jahr wurden, den augenblicklichen Verhältnissen entsprechend, natürlich jedesmal geändert. — Im Januar 1673 producirte sich ein Schweizer Knabe, François Blanchet, in Deutschland, gleichfalls ohne Arme geboren, »aber dennoch imstande, Alles mit den Füssen zu thun, wozu Andere die Hände gebrauchen, als Kegeln, Kartenmischen, Sich-Kämmen, Wein-Einschenken etc.«

Endlich sah man 1696 zu Leipzig und Jena und das letzte Mal 1702 zu Breda noch einen ganz bedeutenden Fusskünstler. Er hiess Franz Viniot und war um das Jahr 1665 geboren. Aus Italien kommend, trug er an der kleinen Zehe des linken Fusses einen Diamantring und war ein Mann von mittelmässiger Statur mit krausem, schwarzem Haar, »lustigem Humeur und sehr geläufigem Maule, wie er Französisch, Italienisch, Englisch, Holländisch in sehr vollkommener Perfection redete«. Auf seine Kunststücke konnte sich der alte Berichterstatter zum grossen Theil nicht mehr besinnen, »sei es, weil er durch die Piècen ganz perplexirt wurde, sei es aus Vergesslichkeit«. Nur Folgendes war ihm noch in der Erinnerung geblieben: Der Mann focht mit dem Rapier und nahm es hierbei mit manchem der Leipziger Fechter auf, wie denn auch Niemand imstande war, ihm ein mit den Zähnen gehaltenes Florett aus dem Munde zu reissen. Beim Schreiben hielt er die Feder zwischen den Zehen oder den Zähnen und schrieb gewöhnlich Cursiv- und Spiegelschrift in durchaus lesbarer Weise. Ebenso warf er sich einen Mantel mit den Zähnen sehr behende um die Schultern. Sein Programm enthielt in Octavformat folgende in holländischer und französischer Sprache leserlich geschriebene Worte:

EDele Heeren en Dames Th u Dianar of mordig
Die alle Duck tem besten koort
Hy is wys en wel geloort.
Quoi fait ce quil peus & Excusable.

In seinem »Wunderbuch von menschlichen unerhörten Wunder- und Missgeburten, so wider den gemeinen Lauff der Natur erschrecklich frembd und seltsam gebildet: doch glaubwürdig in diese Welt geboren worden u. s. w.«, das im Jahre 1610 zu Frankfurt »in Verlegung Dietrichs von Boy seeligen Wittib, sampt zweyer ihrer Söhnen« in Quart erschien, führt uns der Verfasser, Johann Georg Schenk von Grafenberg, »der Artzney Doctor etc.« einige interessante Rumpfkünstler vor, unter denen die im Folgenden aufgeführten mit Recht unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen dürfen:

Unter den Geschenken, welche die Indier zu Beginn unserer Zeitrechnung dem römischen Kaiser Augustus sandten, befand sich auch ein Jüngling ohne Arme, der mit den Füssen die Armbrust spannen und Pfeile entsenden konnte.