Weiter hinauf in Smaalene lagen schmelzende Schneestreifen am Waldessaum und unter den Steinwällen. Die welkbraunen Erdschollen und umgepflügten Aecker breiteten sich in milden Farben aus, und hier, wo die Himmelskuppel sich höher wölben konnte, erblaßte das blendend starke Blau nach dem Horizonte zu allmählich. Die niedrige wellige Kette der bewaldeten Bergkuppen lag weit drüben, während das feine Geäst der einzelnen freistehenden Baumgruppen draußen im Lande sich wie Spitzenwerk in der Luft abzeichnete.
Altersgraue Gehöfte gleißten wie Silber, und neue rote Nebengebäude glühten tief auf. Der Föhrenwald leuchtete olivengrün, Birkendickicht und Espenstämme hoben sich rotviolett und lichtgrün dagegen ab.
Ja, es war Frühling. Die hitzigen Farben brennen eine Weile, bis alles gelbgrün schimmert und vor Lebensfreude eine Zeitlang strahlt, um ein paar Wochen später zu dunkeln und zu reifen und dem Sommer zu weichen.
Der Frühling des Nordens ist unersättlich — kein Glück ist ihm strahlend genug! —
Der Abend fiel hernieder, während der Zug gen Norden brauste. Die letzten langen, roten Sonnenstrahlen blitzten über eine Felskuppe. Dann blieb nur ein güldener Schein am wolkenlosen Himmel zurück, der unendlich langsam hinstarb.
Als der Zug Moß verließ, ragten die Berge kohlschwarz zum grünlichklaren Himmel auf. Die Spiegelung lag noch tiefdunkler, durchsichtig schwarz auf dem grasgrünen Fjord. Ein einziger großer Stern stand über der Bergspitze, sein Bild drunten auf dem Wasser zitterte wie ein dünner Strahl Goldes.
Jenny mußte an Franziskas Nachtbilder denken. Das Leben der Farben nach Sonnenuntergang war das, was Cesca am liebsten festzuhalten suchte. Gott weiß, wie es ihr eigentlich ging. Sie arbeitete übrigens fleißig in der letzten Zeit. Jenny hatte Gewissensbisse. Die beiden letzten Monate hatte sie Cesca kaum gesehen und doch durchfuhr sie oftmals der Gedanke, daß Cesca es wohl schwer hatte. Aber alle guten Vorsätze Jennys, sich einmal mit Cesca auszusprechen, waren umsonst gewesen.
Es war Nacht, als sie in Kristiania einfuhr. Mutter, Bodil und Nils nahmen sie auf dem Bahnhof in Empfang.
Ihr war, als hätte sie die Mutter erst vor einer Woche gesehen. Frau Berner weinte, als sie die Tochter küßte: „Willkommen daheim, mein liebes Kind — Gott segne dich!“
Bodil aber war groß geworden. Sie sah fesch und elegant aus in dem fußfreien Straßenkostüm. Kalfatrus begrüßte sie ein wenig fremd.