Diese Luft auf dem Bahnhofsmarkt war etwas für sich, die gab es in der ganzen Welt nicht wieder — Geruch von Seewasser und Kohlenruß und Heringslauge.

Die Droschke holperte über die Carl Johannstraße, an den bekannten Häusern vorüber. Die Mutter fragte sie nach der Reise. — Jenny überkam ein seltsam alltägliches Gefühl. Es war ihr, als sei sie niemals fort gewesen. Die Kinder auf dem Rücksitz sprachen kein Wort.

Oben auf dem Wergelandswege, vor einer Gartentür, standen zwei junge Menschen und küßten sich unter einer Gaslaterne. Ueber den nackten Baumkronen des Schloßparkes wölbte sich der Himmel tiefblau und klar mit wenigen mattschimmernden Sternen. Jenny spürte einen Hauch wie von moderndem Laub durch die Nacht, einen Hauch aus vergangenen sehnsuchtsschweren Tagen.

Der Wagen hielt vor dem Tore daheim, ein großer ummauerter Hof zog sich hinter dem Hause den Haegdehaug hinauf. Im Milchladen des Erdgeschosses war Licht und die „Delikatesse“ guckte heraus, als sie den Wagen halten hörte, rief Guten Tag und bot Jenny ein Willkommen.

Ingeborg kam die Treppe herabgestürmt und umfing Jenny. Dann lief sie mit dem Handkoffer der Schwester wieder nach oben.

Im Wohnzimmer war der Teetisch gedeckt. Jenny erblickte ihre Serviette mit dem alten Silberring, der noch vom Vater stammte, auf ihrem alten Platz, neben Kalfatrus auf dem Sofa.

Ingeborg stürzte in die Küche hinaus, während Bodil Jenny in ihr Kämmerchen führte, das nach dem Hofe hinausging. Ingeborg hatte es bewohnt, während Jenny im Auslande war, sie hatte noch nicht alle ihre Sachen beiseite geräumt. An den Wänden hingen Schauspielerkarten; Napoléon und Madame Recamier in Mahagonirahmen waren an jeder Seite von Jennys altem Empirespiegel über der Kommode angebracht.

Jenny wusch sich und ordnete ihr Haar. Sie hatte das Gefühl, als sei ihre Haut schwarz von der Reise, und fuhr sich mit der Puderquaste ein paar Mal über das Gesicht. Bodil schnupperte am Puder — ob er parfümiert sei.

Sie gingen hinein zum Tee. Ingeborg hatte ein warmes Fischgericht zubereitet, sie war in diesem Winter auf der Kochschule gewesen. Hier drinnen unter der Lampe sah Jenny, daß beide Schwestern die dicken krausen Flechten im Nacken mit weißer Seidenschleife hochgebunden trugen. Ingeborgs kleines Mulattenfrätzchen war ein wenig schmaler und bleicher geworden, sie hustete aber jetzt nicht.

Und nun sah Jenny auch, daß die Mutter älter geworden war. Oder täuschte sie sich? Hatte sie vielleicht damals, während sie daheim war und sie jahrelang Tag für Tag sah, nur nicht bemerkt, daß der feinen Fältchen in Mutters blondem Antlitz mehr und mehr, daß die Schultern spitzer wurden, die hohe, mädchenhaft schlanke Gestalt gebeugter? Seit Jenny erwachsen war, hatte sie hören müssen, daß Mama aussah wie ihre etwas ältere, schönere Schwester.