„Herrgott, Jenny, du sprichst — ich hätte beinahe gesagt, wie du’s verstehst, aber du bist klüger, das weiß ich.“ Gram lächelte schwermütig. „Soll ich dir ein wenig erzählen, was ich von der Liebe weiß, Kleines? Glaubte ich nicht daran, wie sollte ich dann die kleinste Spur von Glauben an die Menschen haben — und an mich selbst? Meinst du etwa, nur ihr Frauen findet das Leben sinnlos, fühlt euch im Herzen kalt und leer, wenn ihr nichts anderes habt, das ihr lieben könnt als eure Arbeit — nur eine Ausstrahlung eures Selbst — nichts anderes, auf das ihr euch verlassen könnt! Glaubst du, es gibt eine einzige Seele, die nicht Stunden kennte, in denen sie an sich selber zweifelt? Nein, Kind, man braucht einen anderen Menschen, bei dem man sein Bestes, seine Liebe und sein Vertrauen gleichsam deponiert, und sieh, auf diese Bank muß man sich verlassen können. Wenn ich dir sage, daß mein eigenes Leben seit meiner Verheiratung eine Hölle gewesen ist, so brauche ich nicht zu starke Worte. Daß ich es schließlich doch ausgehalten habe, liegt zum Teil daran, daß ich von dem Gedanken ausging, Rebekkas Liebe entschuldige sie auf eine Art. Ich weiß, was sie jetzt fühlt: eine niedrige und rohe Freude an ihrer Macht, mich zu peinigen und zu demütigen, Eifersucht, Verbitterung, ein Zerrbild, aus betrogener Liebe entstanden. Verstehst du nicht, daß ich daran eine Art Befriedigung meines Gerechtigkeitsgefühls erblicke? Ein Grund für mein Unglück ist vorhanden. Ich betrog sie, als ich ihre Liebe entgegennahm ohne die Absicht, ihr eine ganze Liebe zurückzugeben, mit der heimlichen Berechnung, ihr einige Brocken geben zu können, Bettelpfennige der Liebe, während sie mir das Beste bot. Straft aber das Leben so unbarmherzig eine jede Versündigung gegen das Heiligtum der Liebe, so ist das ein Beweis für mich, daß sie das Allerheiligste im Leben ist und daß das Leben denjenigen, der seiner eigenen Liebessehnsucht treu bleibt, mit der reinsten und schönsten Seligkeit belohnen wird. Ich habe dir einmal von einer Frau erzählt, die ich lieben lernte als es zu spät war. Sie hatte mich geliebt, seit wir Kinder waren, ohne daß ich darauf geachtet hatte oder mir etwas daraus machte. Als sie hörte, daß ich heiratete, nahm sie einen Mann, der darauf schwor, daß sie ihn dadurch erretten und aufrichten könnte. Ja, ich weiß, du spottest über derartige Rettungsversuche. Aber ich sage dir, Kind, du kannst nicht urteilen, ehe du nicht den Mann, den du mit deiner ganzen Seele liebst, in den Armen einer anderen gewußt hast, so daß dein eigenes Leben dir wertlos erschien und ehe du nicht eine verirrte Menschenseele darum betteln hörst, sie aus einem wertlosen Leben zu erretten. Nun, Helene wurde unglücklich, und ich ebenfalls. Wir trafen uns wieder und verstanden uns, es kam zu einer Aussprache. Was die Menschen unter Glück verstehen, das widerfuhr uns nicht, und dennoch —. Beide waren wir durch Bande gefesselt, die wir nicht zu brechen wagten. Ich gestehe, als meine Hoffnung, sie einstmals zum Weibe zu erhalten, langsam, langsam hinstarb, änderte sich meine Liebe. Aber noch immer leuchtet wie das herrlichste Kleinod meines Lebens die Erinnerung an sie, die jetzt weit fort in einem anderen Weltteil dafür lebt, ihren Kindern die Last zu erleichtern, die das Leben mit einem Vater bedeutet, der umhergeht, vom Trunk zerrüttet, wie ein Wrack. Um ihretwillen habe ich all diese Jahre hindurch an meinem Glauben an Reinheit, Schönheit und Kraft der Menschenseele festgehalten — und an meinem Glauben an die Liebe. Ich weiß, daß die Erinnerung an mich der Frau die geheimnisvolle Kraft gibt, weit drüben jenseits der Meere zu kämpfen und zu dulden. Denn sie liebt mich heute wie in unserer Kindheit und glaubt an mich, an mein Talent, meine Liebe und daran, daß ich eines besseren Schicksals würdig gewesen sei. Aber so bin ich ihr doch heute noch etwas, nicht wahr, Jenny?“

Sie erwiderte nichts.

„Das Glück bedeutet ja nicht nur, geliebt zu werden, Jenny. Der größte Teil des Glückes ist — zu lieben.“

„Es ist doch gewiß nur ein geringes Glück, Gert, zu lieben, wenn man nicht wieder geliebt wird.“

Er schwieg lange und sah nieder. Bis er fast flüsternd sprach:

„Groß oder klein — es ist ein Glück, ein Menschenkind zu kennen, von dem man nur Gutes denkt. Eines, um dessentwillen man zu sich selber spricht: Herrgott, laß mich sie glücklich sehen, denn sie verdient es, sie ist ja rein und schön, warm und fein, klug und gut. So daß man beten kann: Gott, gib ihr alles, was ich nicht besaß. Ich halte es für ein Glück, kleine Jenny, daß ich so für dich beten kann —. Nein, es ist kein Grund, deswegen ängstlich aufzusehen, Kleines —.“

Er hatte sich erhoben, sie stand ebenfalls auf und machte eine Bewegung, als fürchte sie, er werde sich ihr nähern. Gram hielt inne, er lachte leise:

„Wie konntest du etwas anderes denken, solch kluges, kleines Mädchen wie du. Jenny, ich glaubte, du hättest es gefühlt, lange, ehe ich es selbst recht gewußt —. Konnte es denn anders kommen? Mein Leben neigt sich jetzt seinem Ende zu, dem Alter, der Schwäche, der Finsternis, dem Tode. Schon weiß ich sicher, alles, wonach ich mein Leben lang mich gesehnt — ich erlange es nie. Da begegne ich dir. Mir ist, als seiest du die herrlichste Frau, die ich je getroffen. Du strebst nach alledem, wonach ich einst gestrebt, nach dem Ziele, das ich mir gesetzt hatte. Konnte mein Herz anders als inbrünstig flehen, Gott, führ sie zum Ziele, Gott, hilf ihr, laß sie nicht stranden, wie ich gestrandet bin —. Und dann warst du so lieb gegen mich, Jenny. Du kamst dort hinunter in meine Höhle, du erzähltest von dir selbst und hörtest mir zu, du hattest so viel Verständnis, deine herrlichen Augen waren voller Mitgefühl und so mild und warm —. Aber Herrgott, weinst du?“

Er ergriff ihre Hände und preßte seinen Mund darauf.

„Das darfst du nicht, Jenny. Du darfst nicht so weinen; warum weinst du? Du bebst ja —. Worüber weinst du nur?“