An einem lichten und lauen Maiennachmittag, der sich schon zum Abend neigte, lag Sonnenglanz über den schwarzen Bauplätzen; die nackten Brandmauern waren rotgolden, und die Fabrikschlote glühten lederbraun im Sonnenbrand. Die Umrisse der Stadt mit hohen und niedrigen Dächern, großen und kleinen Häusern zeichneten sich gegen die grauviolette Luft scharf ab, die geschwängert war von Staub und Rauch und Dünsten.

Das Bäumchen an der roten Mauer trug klare, gelbgrüne Blättchen, durch die das Licht schien, in diesem Jahre wie im vergangenen.

Jenny sah den Schimmel an den Bretterwänden der Lumpenbuden, wie weich und leuchtend grün er war! Die Rußflocken an den Mauern der Geschäftshäuser waren an einigen Stellen tiefschwarz und an anderen wie von einer feinen glitzernden Silberhaut überzogen.

Sie sah in die Luft hinaus. Den ganzen Vormittag hatte sie auf Bygdö verbracht, dort hatte die Himmelskuppel sich dunkelblau und heiß über den olivengoldenen Föhrenkronen und der Laubbäume bernsteinfarbenen Knospen gewölbt. Aber hier schimmerte der Himmel über den hohen Häusern und dem Netz der Telephondrähte fahlblau hinter einem feinen, opalweißen Schleier von Dunst verborgen. Im Grunde war es übrigens schöner so. Gert konnte es nicht sehen. Die Stadt war für ihn nur immer schmutzig, häßlich und grau. Sie hatten sie alle verflucht, diese Stadt, die Jungen aus den achtziger Jahren, die hier wie zur Strafarbeit hergesandt waren. Jetzt stand er sicher dort oben und blickte in die Sonne hinaus, das Spiel des Lichtes mit Linien und Farbtönen sah er kaum, für ihn war es nur ein Sonnenstreifen vor den Gefängnismauern.

Sie hielt ein Stück vor seinem Torweg inne und sah gewohnheitsmäßig die Straße hinauf und hinunter. Bekannte waren hier nicht, Arbeitsleute strömten hinüber zum „Vaterland“ oder nach der Stadt zu. Die Uhr war also sechs.

Jenny lief die Treppe hinauf, die abscheulichen Stufen, von denen es zwischen den nackten Steinwänden widerhallte, wenn sie sich von seinem Zimmer hoch oben herunterschlichen — in den späten Stunden der Winternächte. Es war fast, als säße in diesen Wänden immer Kälte und rauhe Luft.

Sie lief schnell über den Korridor und pochte dreimal an seine Tür.

Gram öffnete. Er zog sie mit dem einen Arm an sich, und während sie sich küßten, verschloß er mit der freien Hand die Tür hinter ihr.

Ueber seine Schulter hinweg erblickte sie die frischen Blumen auf dem kleinen Tisch mit der Weinkaraffe und den ausländischen Kirschen in einer geschliffenen Kristallschale. Ein leichter Dunst von Zigarettenrauch lag über dem Raum. Sie wußte, daß er seit vier Uhr hier gesessen und auf sie gewartet hatte mit all dem, was um ihretwillen aufgebaut war.

„Ich konnte nicht früher kommen, Gert,“ flüsterte sie. „Es tat mir so leid, daß du warten mußtest.“