„Nein, sie sind jetzt geschieden. Die Aermste, sie verlor ihren kleinen Jungen im Frühling, ich las es in der Zeitung.“
Dann begann Cesca von anderen Dingen zu sprechen.
Als Jenny sich aber niedergelegt hatte, schlich sie zu ihr hinüber. Sie kroch ins Himmelbett hinauf, setzte sich ans Fußende, zog die Beine hoch und deckte ihren Nachtrock darüber. Die Arme über die Knie verschränkt, saß sie in der weißen Dämmerung des Bettes; das schwarzhaarige Köpfchen hob sich wie ein dunkler Schattenfleck gegen die hellen Gardinen ab.
„Du, ich reise morgen nach Hause. Ich telegraphiere morgen früh an Lennart, und mittags fahre ich dann. Du weißt ja, Jenny, daß du durchaus hier bleiben darfst, solange du Lust hast. Du mußt mich nicht für rücksichtslos halten, aber ich wage es nicht, ich reise sofort.“
Sie atmete schwer.
„Ich verstehe es nicht, Jenny. Ich habe mit ihm gesprochen und er hat mich geküßt, und doch schlug ich nicht nach ihm. Ich hörte allem zu, was er mir sagte, und ich schlug ihm nicht einmal mitten ins Gesicht. Ich liebe ihn nicht mehr, das weiß ich jetzt, und dennoch hat er diese Macht über mich. Weißt du, daß ich Furcht habe? Ich wage nicht hierzubleiben, denn ich weiß nicht, wozu er mich verleiten könnte. Wenn ich jetzt an ihn denke, so hasse ich ihn, aber ich werde geradezu versteinert, wenn er spricht. Ich kann nicht verstehen, daß ein Mensch so zynisch sein kann, so brutal, so schamlos! Es ist geradezu, als könne er nicht begreifen, daß es etwas gibt, was Ehre und Scham heißt. Er rechnet nicht damit und glaubt nicht, daß es andere tun. Er geht ohne weiteres davon aus, daß es nur aus Berechnung geschieht, wenn wir anderen an Recht und Unrecht glauben. Es ist mir, als hypnotisierte er mich damit. Denk dir, ich bin den ganzen Nachmittag mit ihm zusammen gewesen, und ich hörte mir an, was er sagte. Ach Gott, er sprach davon, daß ich jetzt verheiratet sei und daß ich nun meiner Tugend wegen nicht so zimperlich zu sein brauchte oder wie er sagte. Uebrigens deutete er an, daß er jetzt frei sei und daß ich mir irgendwie Hoffnungen machen dürfte, glaube ich. Er küßte mich im Park, und mir war, als müßte ich aus vollem Halse schreien, aber ich konnte nicht einen Laut hervorbringen. O Gott, wie war mir Angst! Er sagte, er käme übermorgen hier hinaus — morgen haben sie große Gesellschaft. Und die ganze Zeit ging er mit dem Lächeln umher, vor dem ich schon früher solche Furcht hatte. —
Muß ich nicht reisen, wenn es so mit mir steht?“
„Doch, Cesca.“
„Ich bin sicher eine Gans. — Aber du begreifst —“ rief sie plötzlich heftig aus. „Ich wage es nicht, mich auf mich selbst zu verlassen. Aber eines kannst du mir glauben: wäre ich Lennart untreu geworden, weiß Gott, ich ginge geradenwegs zu ihm und erzählte es ihm, und dann brächte ich mich sofort vor seinen Augen um —.“
„Liebst du deinen Mann?“ fragte Jenny leise.