1921
Druck: Gyldendal’scher Verlag A. G., Abt. Buchdruckerei
Berlin SW 68

Erstes Buch

I.

Die Musik kam über die Via de Condotti, als Helge Gram in der Dämmerung gerade in die Straße einbog. Die Melodie eines altbekannten Gassenhauers ertönte in sinnlos rasendem Tempo wie eine wilde Fanfare. Und die schwarzen kleinen Soldaten stürmten in dem kalten Nachmittag vorüber, als seien sie mindestens eine römische Kohorte, im Begriff, sich in fliegendem Laufschritt auf die Heerscharen der Barbaren zu stürzen. Und sollten doch nur ganz friedlich heimwärts ziehen in ihre nächtlichen Quartiere. Aber vielleicht war gerade das der Grund für ihre stürmende Eile, dachte Helge und lächelte. Wie er so stand, den Mantelkragen gegen die Kälte hochgeschlagen, wallte eine seltsam historische Stimmung in ihm auf. Aber dann begann er, die wohlbekannte Melodie mitzusummen, und setzte seinen Weg die Straße hinab fort, in der Richtung, die, wie er wußte, zum Corso führte.

An der Ecke blieb er stehen und schaute hinüber. — Das also war der Corso. Ein unablässig rinnender Strom von Wagen in der engen Straße, und ein brodelndes Gewimmel von Menschen auf dem schmalen Bürgersteig.

Er stand und ließ den Strom an sich vorüberziehen und lächelte in dem Gedanken, daß er nun Abend für Abend auf dieser Straße in der Dunkelheit durch das Menschengewimmel würde schlendern dürfen, bis sie ihm ebenso alltäglich geworden war wie die Carl Johannstraße daheim.

Und das Verlangen überkam ihn, noch in dieser Stunde durch alle Straßen Roms zu laufen — ohne Aufhören — am liebsten die ganze Nacht hindurch. Das Bild der Stadt stieg in ihm auf, wie sie vor kurzem zu seinen Füßen gelegen, als er auf dem Pincio stand und dem Untergang der Sonne zuschaute.

Wolken breiteten sich über den ganzen Nachthimmel aus, dicht zusammengedrängt, wie kleine lichtgraue Lämmer. In der Sonne, die hinter ihm versank, erglühten ihre Ränder golden wie Bernstein. Unter dem bleichen Himmel lag die Stadt, und plötzlich kam es Helge zum Bewußtsein: das war Rom! Nicht, wie er es in seinen Träumen erschaut — nein, wie es jetzt vor ihm lag.

Alles, was er auf seiner Reise gesehen, hatte ihn enttäuscht, weil es anders war, als er sich’s im Geiste ausgemalt daheim, in seiner Sehnsucht hinauszukommen und es selbst zu schauen. Endlich, jetzt endlich zeigte sich die Wirklichkeit, reicher als all seine Träume.

Und das war Rom ...