Eine weite Fläche von Dächern lag in der Talsenkung unter ihm — ein Gewimmel von Dächern alter und neuer, hoher und niedriger Häuser, die, wie es schien, aufs Geradewohl und so hoch gebaut worden waren, wie man ihrer gerade bedurfte, denn nur an wenigen Stellen war die gerade Linie einer Straße in dem Heer der Dächer deutlich erkennbar. Und diese ganze Welt unruhiger Linien, die in Tausenden von harten Winkeln aufeinander stießen, lag erstarrt und still unter dem fahlen Himmel, an dem eine unsichtbare, sinkende Sonne hier und da einen kleinen Lichtrand an den Wolken entzündete. Sie lag und träumte unter einem feinen, weißlichen Nebeldunst, in den sich nicht eine einzige lebende geschäftige Rauchsäule mischte. Denn ein Fabrikschlot war nicht zu entdecken, und von den kleinen drolligen Blechschornsteinen, die in die Luft starrten, rauchte nicht ein einziger. Auf den rotbraunen, runden alten Dachziegeln machten sich graugelbe Flechten breit, grüne Pflanzen und kleines Buschwerk mit gelben Blüten wucherte in den Wasserrinnen, am Rande der Terrassen reihten sich tote und schweigende Agaven in Urnen, und von den Gesimsen flossen Schlingpflanzen in stillen und toten Kaskaden. Wo sich das oberste Stockwerk eines höheren Hauses über die Nachbarn erhob, starrten erstorbene und dunkle Fenster aus rotgelbem oder grauweißem Mauerwerk — oder schliefen hinter geschlossenen Läden. Aber aus dem Dunst ragten Altane, Stümpfen alter Wachttürme gleich, und kleine Lauben aus Holz und Blech erhoben sich auf den Dächern.
Ueber dem Ganzen schwebten die Kuppeln der Kirchen, Kuppel an Kuppel; die gewaltige graue weit draußen, jenseits der Stelle, wo Helge den Lauf des Flusses vermutete, das war St. Peter.
Aber diesseits des Talkessels, wo die toten Dächer die Stadt beschützten, die, wie Helge an diesem Abend empfand, mit Recht die ewige hieß, wölbte ein niedriger Höhenzug seinen langen Rücken gen Himmel. Er trug in weiter Ferne eine Allee von Pinien, deren Kronen über der schlanken Säulenreihe der Stämme ineinander liefen. Weit drüben hinter der Peterskuppel, wo der Blick seine Schranke fand, erhob sich eine zweite Anhöhe mit lichten Villen zwischen Pinien und Cypressen. Das mochte wohl der Monte Mario sein.
Ueber Helges Haupt breitete sich schützend das dunkle, dichte Laubdach der Steineichen, und hinter ihm plätscherte der Strahl des Springbrunnens mit einem eigenen lebendigen Laut — das Wasser klatschte gegen das steinerne Becken und rieselte, überfließend, in das Bassin hinab.
Ueber die Stadt seiner Träume, deren Straßen sein Fuß niemals betreten hatte, deren Häuser nicht eine vertraute Seele bargen, flüsterte Helge hin: „Roma, Roma, ewige Roma“. Eine Scheu erfaßte ihn vor seinem eigenen einsamen Ich und ein Bangen vor seiner Ergriffenheit, obwohl er wußte, hier war niemand, der ihn belauschen konnte. Er wandte sich und eilte hinab, der Spanischen Treppe zu.
Nun stand er an der Ecke der Via de Condotti und des Corso und empfand eine wunderbar süße Beklemmung, sollte er doch jetzt der Straße wimmelndes Leben durchkreuzen und versuchen, sich in der fremden Stadt zurechtzufinden — er wollte quer hindurch, gerade auf den Petersplatz zugehen.
Indem er die Straße überschritt, gingen zwei junge Mädchen an ihm vorüber. Das waren sicher Norwegerinnen, kam es ihm sofort in den Sinn, und er empfand eine gewisse Freude bei dem Gedanken. Die eine war lichtblond und trug einen hellen Pelz.
Die Straße, der er folgte, mündete auf einen offenen Platz an einer weißen Brücke. Zwei Reihen Laternen kämpften mit ihren schwindsüchtigen, grünlichgelben Lichtern gegen den gewaltigen, bleichen Schein, den der unruhige Himmel ausstrahlte. Am Wasser entlang zog sich fahl schimmernd eine niedrige steinerne Brustwehr und eine Baumreihe mit welkem Laub und Stämmen, deren Rinde sich in großen weißen Fetzen abschälte. Auf der anderen Seite des Flusses brannten die Gaslaternen unter den Bäumen, die Häusermasse hob sich schwarz gegen den Himmel ab. Doch diesseits des Stromes flackerte der Schein des Abendlichtes noch in den Fensterscheiben. Der Himmel war jetzt fast klar und wölbte sich in durchsichtigem Blaugrün über dem Hügel, dessen Kamm die Pinien trug; noch segelten aber einige wenige schwere zusammengeballte Wolkenberge darüber hin, rot und gelb aufleuchtend, als kündeten sie Sturm.
Helge stand auf der Brücke still und sah in die Tiber hinab. Wie trüb das Wasser war! Es stürzte reißend dahin, bunt aufflammend im Widerschein der abendlich leuchtenden Wolken — riß Zweige, Planken und Geröll mit sich in seinem weißen steinernen Bett da drunten. Seitwärts an der Brücke führte eine kleine Treppe zum Wasser hinab. Helge kam der Gedanke, wie leicht es doch sein müßte, sich eines Nachts, des Treibens müde, hier aus dem Leben zu schleichen. Ob es wohl jemand tat?
Er fragte, auf Deutsch, einen Konstabler nach dem Wege zur Peterskirche; der Konstabler antwortete zunächst auf Französisch, dann italienisch, und als Helge immer wieder den Kopf schüttelte, redete er wieder französisch und wies über den Strom. Helge schlenderte in der gewiesenen Richtung weiter.