Da stieg eine gewaltige, düstere Steinmasse vor ihm empor, ein niedriger runder Turm mit zackigen Mauerkränzen von der tiefschwarzen Silhouette eines Engels gekrönt. — Helge erkannte die Umrisse der Engelsburg. Sein Weg hatte ihn gerade ihr zu Füßen geführt. Im letzten Licht des Himmels leuchteten die Statuen drüben auf der Brücke in der Dämmerung, noch spiegelten die Wellen der Tiber den Schein der roten Wolken wider. Aber schon schossen die Gaslaternen ihre Lichtpfeile auf den Strom hinaus. Hinter der Engelsbrücke surrten elektrische Straßenbahnen mit erleuchteten Fensterscheiben über eine neue schmiedeeiserne Brücke. Aus den Leitungsdrähten sprühten blauweiße Funken.
Helge lüftete den Hut vor einem Manne:
„San Pietro favorisca?“
Der Mann zeigte geradeaus und sagte etwas, das Helge nicht verstand.
Die Straße, in die er einbog, war eng und finster; so hatte er sich eine italienische Straße oft ausgemalt, und er empfand nun geradezu ein Gefühl der Wiedersehensfreude. Ein Antiquitätengeschäft lag hier neben dem anderen.
Helge schaute mit Interesse in die schlecht erleuchteten Fenster. Das meiste war Schund; die schmutzigen Streifen aus groben, weißen Spitzen, auf Schnüren aneinandergereiht — sollten dies italienische Spitzen sein? Da lagen Scherben und Ueberreste von Tonwaren in staubigen Schachteldeckeln aus, kleine, giftgrüne Bronzefiguren, alte und neue Metalleuchter und Broschen mit unechten Steinen. Trotzdem wandelte ihn unerklärlicherweise eine Lust zum Kaufen an, zu fragen, zu feilschen, zu handeln —. Er war in einen kleinen dumpfen Laden geraten, fast ohne selbst zu wissen, wie. Da sah es übrigens lustig aus; es gab seltsame Dinge aus aller Welt: alte Kirchenlampen, von der Decke herabhängend, Seidenlappen mit goldgestickten Blumen auf rotem und grünem und weißem Grunde, zerbrochene Möbel.
Hinter dem Ladentisch hockte ein gelbhäutiger dunkler Bursche, das Kinn blau von Bartstoppeln, und las. Er fragte und redete, während Helge auf dies und jenes zeigte, und „quanto“ sagte. Das einzige, was Helge begriff, war, daß die Sachen unerhört teuer waren — man müßte jedenfalls mit dem Kaufen warten, bis man der Sprache mächtig wäre, und dann gehörig feilschen.
Drüben auf einem Regal stand Porzellan, Rokokofiguren und Vasen mit modellierten Rosenbuketts geziert. Sie schienen neu zu sein. Helge ergriff aufs Geratewohl einen solchen kleinen Gegenstand und setzte ihn auf den Tisch: „quanto?“
„Sette,“ sagte der Mann und spreizte sieben Finger.
„Quattro.“ Helge streckte vier Finger in die Luft. Er hatte ein frohes und sicheres Gefühl, als er so plötzlich in die fremde Sprache gleichsam hinübersprang. Freilich begriff er nichts von dem Protest des Mannes, doch jedesmal, wenn der andere ausgeredet hatte, kam er mit seinem quattro und seinen vier Fingern.