„Non antica,“ warf er überlegen hin.

Der Ladenbesitzer beteuerte jedoch: „antica.“

„Quattro,“ sagte Helge zum letzten Male — jetzt hatte der Mann nur fünf Finger in der Luft. Als Helge sich zur Tür wandte, rief der Bursche ihn zurück. Er akzeptierte. Selig nahm Helge den Gegenstand an sich, der sorgsam in rotes Seidenpapier gehüllt worden war.

Am Ausgang der Straße konnte er die dunkle Masse des Doms gegen den Himmel unterscheiden. Er schritt kräftig aus und eilte über den vorderen Teil des Platzes, dort, wo die Läden mit den hellen Fenstern lagen und die Bahnen vorübersausten, — auf die beiden halbkreisförmigen Arkaden zu, die zwei gebogenen Armen gleich sich um einen Teil des Platzes legten und ihn hineinzogen in die Stille der Dunkelheit. Helge flüchtete in den Schutz der gewaltigen dunklen Kirche, die ihre breite Treppe in einer muschelförmigen Zunge bis auf die Mitte des Marktes hinausschob.

Die Kuppel der Kirche und die Statuenreihe der Heiligenschar drüben über dem Dach des Säulenganges hoben sich schwarz gegen das Helldunkel der Himmelswölbung ab; Baumkronen und Häuser, unregelmäßig übereinandergestapelt, breiteten sich über der Anhöhe dahinter aus. Hier waren die Gasflammen machtlos; die Finsternis sickerte durch die Säulen der Arkaden, ergoß sich von der offenen Vorhalle der Kirche über die Treppe hinab. Helge ging still hinüber bis an die Kirche, und schaute neugierig auf die verschlossenen Metalltüren. Dann kehrte er um und schritt zum Obelisk in der Mitte des Platzes. Hier blieb er stehen und starrte auf die dunkle Kirche. Den Kopf zurückbiegend folgte er mit den Augen dem schlanken steinernen Pfeil, der hoch in den Abendhimmel hinaufragte, dort, wo die letzten Wolken hinter den Dächern verschwunden waren und die ersten Sterne ihre funkelnden Lichtnadeln durch die sich vertiefende Dunkelheit schossen.

Wieder erklang in seinen Ohren der wunderliche durchdringende Laut von plätscherndem Wasser, das in steinerne Becken herabstürzte, und das weiche Rieseln des strömenden Ueberflusses, der sich von Schale zu Schale in das Bassin ergoß. Er ging bis dicht an den einen der Springbrunnen heran und betrachtete die vollen weißen Strahlen, die wie in hitzigem Trotz aufschossen und hoch oben zusammenbrachen; dunkel gegen die Klarheit der Luft, sanken sie hinab in die Finsternis, in der das bewegte Wasser weiß aufleuchtete. Helge starrte hinauf. Plötzlich fing ein kleiner Windstoß sich in der Wassersäule und fegte sie über ihn hinweg. Jetzt plätscherte es nicht mehr klatschend gegen das steinerne Becken, es rieselte hinab, und Helge war bedeckt von Tropfen, die in der kalten Abendluft zu Eis erstarrten.

Dennoch blieb er stehen, lauschte und starrte — schritt vorwärts und stand wieder — doch ganz behutsam, um das Flüstern in seinem Innern zu vernehmen. — Jetzt war er also hier, all das, von dem er sich verzehrend fortgesehnt hatte, lag in weiter, weiter Ferne. Und er trat noch leiser auf und schlich wie einer, der dem Gefängnis entronnen war.

Unten an der Ecke der Straße lag ein Restaurant. Dort ging er hinüber. Unterwegs entdeckte er einen Tabaksladen, wo er sich Zigaretten, Ansichtskarten und Freimarken kaufte. Während er auf sein Essen wartete und hin und wieder in langen Zügen vom Rotwein trank, schrieb er Karten an seine Eltern: „Ich denke an diesem Abend viel an Euch hier unten —“. Er lächelte schmerzlich — ja, Herrgott, so war es! An die Mutter schrieb er jedoch: „Ich habe schon eine Kleinigkeit für Dich gekauft, — das erste, was ich hier in Rom erstanden habe.“ Arme Mutter — wie mochte es ihr wohl ergehen. Er war in den letzten Jahren oft lieblos gegen sie gewesen —. Er packte das Geschenk aus — es war sicher eine Eau de Cologneflasche — und betrachtete es. Dann fügte er noch einige Zeilen hinzu, er finde sich mit der Sprache zurecht und das Handeln in den Läden sei gar nicht so schwierig.

Das Essen war gut, doch teuer. Nun, wenn er sich erst hier eingelebt hätte, würde er schon lernen, mit Wenigem auszukommen. Gesättigt und angeregt vom Wein ging er in einer neuen Richtung weiter, entdeckte lange, niedrige, verfallene Häuser und hohe Gartenmauern, gelangte durch einen zerstörten Torbogen auf eine Brücke, über die er hinweg wollte. Ein Mann erschien in der Tür des Zollhauses, hielt ihn an und machte ihm verständlich, daß er einen Soldo entrichten müsse. Drüben auf der anderen Seite lag eine große dunkle Kuppelkirche.

Hier geriet er in einen Wirrwarr finsterer, enger Sackgassen; in der geheimnisvollen Dunkelheit ahnte er in den Himmel hineinragende alte Paläste mit vorspringenden Dachgesimsen, vergitterten Fenstern — in gleicher Front mit elenden Hütten und kleinen Kirchenfassaden. Einen Bürgersteig hatte die Straße nicht; Helge trat in verdächtigen Abfall, der im Rinnstein lag und übel roch. Vor den schmalen erleuchteten Herbergstüren und unter den spärlichen Gaslaternen erblickte er undeutlich zweifelhafte menschliche Gestalten.