Als er begraben war, begann sie zu weinen, und jetzt konnte sie nicht innehalten. Sie schluchzte fast andauernd, Tag und Nacht, wochenlang. Krank wurde sie auch, bekam eine Brustentzündung, so daß Frau Schlessinger den Arzt holen mußte, der sie dann schnitt. — Die körperlichen Schmerzen und die Verzweiflung ihrer Seele flossen zu einem zusammen, den fürchterlichen Fiebernächten.
Frau Schlessinger schlief im Zimmer nebenan. Wenn sie die merkwürdig tierischen, erstickten Klagelaute aus dem Zimmer des jungen Mädchens vernahm, wackelte sie entsetzt herbei und setzte sich auf einen Stuhl vor dem Bett: „Um Gotteswillen, Fräulein —.“
Sie pflegte Jenny und streichelte ihre mageren, klammen Hände mit ihren dicken, warmen. Sie redete ihr gut zu. Es sei Gottes Wille, vielleicht das Beste für den Jungen wie für das gnädige Fräulein selber. Fräulein sei ja noch so jung —. Frau Schlessinger hatte selbst ihre beiden Kinder verloren, die kleine Bertha, als sie zwei Jahre alt war, und Wilhelm mit vierzehn Jahren, so einen kecken Burschen. Sie waren doch in gesetzlicher Ehe geboren und hatten ihre Stütze sein sollen, aber dieser Kleine hier, er wäre ja nur eine Fessel an Fräuleins Fuß gewesen — und Fräulein sei doch so jung und nett. Ach Gott, gewiß war er lieb gewesen, der kleine Engel, ja, schwer genug sei es schon —.
Ihren Mann hatte Frau Schlessinger auch verloren — ja. Und es gab viele Leidensgenossinnen von Jenny, die Frau Schlessinger im Hause gehabt hatte, deren Kinder gestorben waren — ja, einige seien froh gewesen, einige hätten sie geradezu vernachlässigt, um sie loszuwerden — ja, es war häßlich, aber was soll man dazu sagen? Einige hatten auch geweint und gejammert wie jetzt Jenny, aber sie kamen mit der Zeit darüber hinweg; die eine und die andere war jetzt verheiratet und hatte es glücklich getroffen. Aber eine solche Verzweiflung wie beim gnädigen Fräulein habe sie doch noch nie erlebt. Herrgott im Himmel!
Daß der Vetter nach dem Süden gereist war, erst nach Dresden und darauf nach Italien, gerade in jenen Tagen, als der Knabe starb, dem schrieb Frau Schlessinger in ihrem Herzen einen großen Teil von Jennys Verzweiflung zu. Ja, ja, so waren sie nun einmal, die Mannsleute.
Unauflöslich verbunden mit der Erinnerung an diese wahnwitzigen, qualerfüllten Nächte war seitdem für Jenny das Bild von Frau Schlessinger, wie sie dort auf dem Stühlchen vor dem Bette saß, während das Lampenlicht sich in den Tränen brach, die aus ihren freundlichen Aeuglein sickerten und über ihre runden roten Apfelwangen tropften. Ihr Mund, der nicht einen Augenblick still stand, ihr kleiner grauer abstehender Zopf und ihre weiße Nachtjacke mit dem Zackenbesatz, ihr Unterrock aus rosa und grau gestreiftem Flanell mit den gestickten Zacken rings herum. Und das kleine Zimmer mit den Gipsreliefs in Messingrahmen.
Sie hatte Heggen von ihrem großen Glück geschrieben. Er hatte auch geantwortet; er wäre gern gekommen, um sich den Buben anzuschauen, aber die Reise war lang und teuer, außerdem war er im Begriff, nach Italien aufzubrechen. Später sei sie mit dem Prinzen willkommen und er sende die besten Glückwünsche! —
Als das Kind starb, war Heggen in Dresden: sie bekam einen langen schönen Brief von ihm.
An Gert hatte sie einige Zeilen geschrieben, sobald sie konnte. Sie gab gleichzeitig ihre Adresse auf, bat ihn jedoch, nicht vor dem Frühling herunterzukommen, dann wäre der Kleine groß und hübsch geworden. Jetzt könnte wohl nur die Mutter sehen, wie prächtig er war. — Als sie wieder aufgestanden war, sandte sie ihm ein längeres Schreiben.
Am Tage, als das Kind begraben wurde, schrieb sie wieder und teilte in wenigen Worten seinen Tod mit. Gleichzeitig erwähnte sie, daß sie am selben Abend nach dem Süden reise und daß er nicht erwarten dürfe, von ihr zu hören, bis sie ruhiger geworden: „Du brauchst dich nicht um mich zu ängstigen,“ schrieb sie, „ich bin jetzt soweit vollkommen ruhig und gefaßt, aber natürlich grenzenlos traurig.“