Heggen blieb drei Tage in Warnemünde. Jenny verstand es selber kaum, warum ihr nach seinem Besuch so viel besser zumute war. Aber dieses unleidliche Gefühl der Demütigung war geschwunden, sie sah ihr Geschick jetzt mit viel ruhigeren und natürlicheren Augen an.
Frau Schlessinger lief umher und lächelte froh und untertänig, obgleich Jenny ihr erklärt hatte, daß dieser Herr ihr Vetter war.
Er hatte ihr angeboten, ihr seine Bücher zu schicken, und bald kam eine ganze Kiste voll an, zum Weihnachtsfest sandte er Blumen und Konfekt. Jede Woche schrieb er lange Briefe von allen möglichen Dingen und schickte Ausschnitte aus norwegischen Zeitungen. Zu ihrem Geburtstag im Januar kam er selbst herauf und blieb zwei Tage, ihr einige neue norwegische Bücher vom Fest her zurücklassend.
Aber gleich nach seinem letzten Besuch erkrankte sie. Sie war elend, matt, zerquält und hatte in der letzten Zeit nicht schlafen können. Vorher hatte sie nur selten an die Geburt selbst gedacht und sich nicht davor gefürchtet. Jetzt, bei den ständigen Schmerzen ergriff sie eine fürchterliche Angst vor dem, was ihr bevorstand. Als sie sich dann schließlich legen mußte, war sie von Angst und Schlaflosigkeit völlig entkräftet.
Es war eine schwere Geburt. Jenny war dem Tode näher als dem Leben, als der Arzt, der von Warnemünde herbeigeholt worden war, endlich ihren Jungen in seinen blutigen Händen hielt.
VI.
Jennys Knabe lebte sechs Wochen — genau vierundvierzig und einen halben Tag, sagte sie bitter zu sich selber, wenn sie wieder und wieder die kurze Zeit überdachte, während der sie gewußt hatte, was es heißt, glücklich zu sein.
Sie weinte die ersten Tage danach nicht, ging nur um das tote Kind herum und würgte tief in der Kehle. Sie nahm es hoch und liebkoste es:
„Bübchen — Mutters kleiner, kleiner, süßer Junge — du darfst nicht — hörst du — Bübchen darf nicht tot sein, verstehst du mich denn nicht —.“
Der Knabe war klein und schwächlich gewesen, als er zur Welt kam. Aber Jenny wie auch Frau Schlessinger meinten, daß er gedeihen und großartig wachsen würde. Dann wurde er eines Morgens krank und starb gegen Mittag.