Eines Tages schloß das Badehotel wieder, es stürmte auf See, und der Sommer war vorüber.

Gunnar schrieb aus Italien und riet ihr, herunterzukommen. Cesca wollte sie nach Schweden haben. Die Mutter, die nichts wußte, schrieb und begriff nicht, warum sie dort blieb. Jenny dachte daran, fortzureisen, konnte aber zu keinem Entschluß kommen. Obgleich doch allmählich eine unbestimmte Sehnsucht in ihr wach wurde. Sie wurde selbst dadurch nervös, daß sie so umherging und nichts tun konnte. Sie mußte einen Entschluß fassen — wenn sie auch nur eines Nachts von der Mole aus in die See spränge.

Eines Abends hatte sie die Kiste mit Heggens Büchern hervorgeholt. Unter ihnen befand sich ein Band italienischer Gedichte — Fiori della poesia italiana. Eine Ausgabe, für Touristen berechnet, in einfaches Leder gebunden. Sie blätterte darin, um zu sehen, ob sie all ihr Italienisch vergessen hätte.

Sie schlug das Buch zufällig bei Lorenzo von Medicis Karnevalslied auf und fand ein zusammengefaltetes Stück Papier, von Gunnars Hand beschrieben:

„Liebe Mutter. Jetzt kann ich Dir endlich berichten, daß ich glücklich und wohl in Italien angekommen bin, und daß es mir in jeder Hinsicht gut geht, sowie —“ Der Rest des Bogens war mit Vokabeln bedeckt. Bei den Verben standen zugleich die Deklinationen. Auch am Rande des Buches standen Vokabeln — ganz dicht, an dem tragisch frohen Karnevalsgedicht entlang. „Wie schön ist die Jugend, die so schnell entflieht“.

Selbst die gewöhnlichsten Worte waren aufgeschrieben. Gunnar mußte versucht haben, das Lied zu lesen, gleich nachdem er nach Italien gekommen war — ehe er etwas von der Sprache konnte. Sie sah auf dem Titelblatt nach: G. Heggen, Firenze und die Jahreszahl stand dort. Das war, ehe sie ihn kennengelernt hatte.

Sie blätterte und las hier und da. Dort stand Leopardis Hymne an Italia, für die Gunnar so begeistert war. Sie las sie. Der Rand war schwarz von Vokabeln und Tintenflecken.

Es schien wie ein Gruß von ihm, eindringlicher als alle seine Briefe. Er rief sie, jung und gesund, fest und voller Tatendrang. Er bat sie, zum Leben zurückzukehren und zur Arbeit. Ja, wenn sie sich doch zusammennehmen und wieder anfangen könnte. Sie mußte versuchen, zu wählen zwischen Leben — oder Tod. Sie wollte wieder dort hinab, wo sie sich einst frei und stark gefühlt hatte, allein, nur mit ihrer Arbeit. Sie sehnte sich danach, und nach den Freunden, den zuverlässigen Kameraden, die einander nicht so nahe kamen, daß Leid daraus entstand, sondern Seite an Seite, jeder in seiner eigenen Welt, die auch all den anderen gehörte, miteinander dahinlebten, im Vertrauen auf ihr Können, in der Freude an ihrem Schaffen. Sie wollte das Land wiedersehen, das felsige Land mit den stolzen, strengen Linien und den sonnedurchtränkten Farben.

Kurz darauf reiste sie nach Berlin. Sie lief einige Tage in der Stadt umher, so auch in den Galerien. Aber sie fühlte sich müde, fremd und überflüssig. So fuhr sie weiter nach München.

In der Alten Pinakothek sah sie Rembrandts Heilige Familie. Sie betrachtete das Bild gar nicht als Malerei an sich, sie sah nur die junge Bauersfrau, das Hemd von der milchgefüllten Brust weggezogen und das Kind anschauend, das eingeschlafen war. Liebkosend griff die Mutter um sein eines bloßes Füßchen. Ein häßlicher kleiner Plebejerjunge war es, aber strotzend vor Gesundheit, und er schlief so gut, war so herrlich und lieb. Josef guckte über der Mutter Schulter auf ihn nieder. Es war aber kein alter Josef, und Maria war keine weltfremde Himmelsbraut. Es war ein kräftiger, mittelalterlicher Handwerker mit seiner jungen Frau, und das Kind war ihrer beider Lust und Freude.